SchweinSchweinemarkt„Klar ist, dass sich in der Fleischwirtschaft etwas ändern wird“

„Klar ist, dass sich in der Fleischwirtschaft etwas ändern wird“

Quelle: Tönnies

LANDWIRT: Viele Verbraucher sind derzeit verunsichert, ob Schweinefleisch aus dem Tönnies-Unternehmen bzw. Fleisch gesundheitlich bedenklich sein könnte. Ist aufgrund dessen bereits ein Nachfrage-Rückgang im deutschen Handel spürbar?

Verband der Fleischwirtschaft (Pressestelle VDF): Der Fleischabsatz ist nach Berichten aus Verkaufsabteilungen der Unternehmen in der vergangenen Woche leicht zurückgegangen. Ob dies eine Folge der Verbraucherverunsicherung ist und/oder des im Vergleich zu den Vorwochen durchwachsenen Wetters ist nicht erkennbar.

Welche Trends sehen Sie in der Folge des Tönnies-Skandals als wahrscheinlich an: Dass die Zahl der Vegetarier steigen wird? Dass die Deutschen nun eher bereits sein werden, für Fleisch mehr zu bezahlen. Oder: Dass sich trotz der jetzigen Debatte am Ende nichts verändern wird.

Das Verbraucherverhalten ist oft irrational und nicht eindeutig vorhersehbar. Klar ist, dass sich in der Fleischwirtschaft etwas ändern wird. Wir unterstützen das Gesetzgebungsvorhaben des Bundesarbeitsministers zum Verbot der Werkverträge und treten für eindeutige, bundeseinheitliche Regelungen im Zusammenhang mit ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ein sowie wirksame staatliche oder neutrale Kontrollen dieser Vorgaben.

Landwirte und Schlachter sehen die Schuld an den Missständen in großen Schlachtunternehmen auch beim Handel und den Konsumenten – weil sie nun mal nach Billigware verlangen. Machen es sich Tönnies und Co. damit nicht zu einfach?

Unser Wirtschaftssystem, die soziale Marktwirtschaft, zielt darauf ab, dass ein möglichst hoher Wettbewerbsgrad in allen Branchen herrscht und so möglichst niedrige Preise für die Verbraucher in sämtlichen Lebensbereichen gewährleistet werden. Arbeits-, sozialrechtliche und weitere Gesetze geben zusätzliche Regelungen vor, die das Wirtschaftssystem sozial verträglich gestalten sollen.  Vor diesem Hintergrund kann zunächst niemandem, der sich an die Gesetze hält etwas vorgeworfen werden. Weder dem Handel, dass er möglichst günstig einkaufen will, noch den Verbrauchern, dass sie sich am günstigsten Preis orientieren. Und auch nicht einem Fleischunternehmen – vorausgesetzt, es hat keine Gesetzesverstöße begangen. Wenn es trotzdem zu Entwicklungen oder Zuständen gekommen ist, die als Missstände bezeichnet werden, z.B. der ausgedehnte Einsatz von Werkverträgen in einzelnen Fleischunternehmen, dann müssen die Regeln geändert werden.

War der Corona-Ausbruch bei Tönnies für ausländische Schlachthofarbeiter vielleicht sogar ein „Segen“? Werden sich die Arbeits- und Wohnbedingungen für das Personal nun tatsächlich verbessern?

Wir unterstützen das Gesetzgebungsvorhaben der Bundesregierung für ein Verbot von Werkverträgen in den Bereichen Schlachtung, Zerlegung und Verpackung und werden für Wohnungen und Arbeitsschutz detaillierte Vorschläge vorlegen. Wir fordern, dass diese Regelungen bundeseinheitlich verbindlich gelten und wirksam kontrolliert werden.

Klar ist: es darf keine Einzelfälle mit Missständen mehr geben, die auf die gesamte Branche zurückfallen. Die Fleischunternehmen wollen die Verantwortung für ihre Mitarbeiter voll und ganz übernehmen. Rechtsverstöße müssen schonungslos geahndet werden, dadurch werden die rechtschaffenden Unternehmen vor unlauteren Wettbewerbern geschützt.

Wie stehen die Chancen, dass Werkverträge in der Schlacht- und Zerlegebranche ehestbald verboten werden?

Wir unterstützen das Verbot und gehen davon aus, dass es ab 1.1.2021 gelten wird.

Wird es durch die geplante Abschaffung der Werkverträge zu Engpässen beim Schlachthofpersonal kommen?

Inwiefern das Verbot der Werkverträge zu Personalengpässen führen wird, ist nicht absehbar, da es hierfür keine Erfahrungswerte gibt. Für die Unternehmen wird es eine große Herausforderung, genügend Arbeitnehmer zu finden und die komplette Personalorganisation in den Unternehmen aufzubauen.  Wir hoffen, dass die Unternehmen bei diesem Prozess unterstützend begleitet werden. Bundesminister Heil hatte ja bereits angekündigt, dass die Arbeitsagenturen auch bei der Findung von Arbeitnehmern im Ausland helfen können. Außerdem benötigen die Unternehmen ausreichend Zeit, um den Prozess zu vollziehen, ohne Produktionskapazitäten zu verlieren.

Politiker und Konsumenten fordern nun ein Ende des „System Billigfleisch“. Wie wahrscheinlich bzw. realistisch ist Ihrer Meinung nach ein baldiger Systemwandel hin zu fairer Bezahlung von Schlachthofmitarbeitern und auch Landwirten?

Wie ist eine faire Bezahlung definiert?