AckerbauGrünlandwerdung: Die Pflicht zum Pflug

Grünlandwerdung: Die Pflicht zum Pflug

Quelle: Christian Mühlhausen/landpixel.de

Die Milchviehhalter Markus Dillinger und Peter Oberdorfer verstehen die Welt nicht mehr. Beide haben Ackerflächen als Grünland eingesät und nutzen diese als Weiden. Die Bewirtschaftung läuft problemlos, nun kommt aber die Gemeinsame Agrarpolitik der EU ins Spiel. Demnach müssen sie das wertvolle Grünland alle fünf Jahre umbrechen und neu einsäen, wie ein Beitrag des bayerischen Rundfunks zeigt.

Nur ein Umbruch erhält den Ackerstatus

Rechtliche Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die den Erhalt von Grünland fördern soll. Demnach wird Ackerland nach fünf Jahren automatisch zu Dauergrünland – sofern darauf durchgängig Gras oder Grünfutterpflanzen wachsen. Die Folge: Der Ackerstatus der Fläche geht verloren und damit sinkt auch ihr Wert. In Österreich wie in Deutschland liegen die Kauf- und Pachtpreise für Ackerland erheblich über denen von Grünland. Zudem lässt sich ein Acker flexibler nutzen als eine Grünlandfläche. Bei gepachteten Flächen hat der Eigentümer sogar Anspruch auf Schadensersatz, wenn der Pächter den Ackerstatus aufs Spiel setzt.

Verhindern können Landwirte die Umwandlung nur, wenn sie die Flächen innerhalb der Fünf-Jahres-Frist umbrechen. Vor 2018 mussten sie im Anschluss eine andere Kultur auf der Fläche anbauen, damit der Ackerstatus erhalten bleibt. Mittlerweile reicht es bei der sogenannten Pflugregelung aus, die Narbe umzubrechen. Danach kann ein Landwirt sofort wieder Gras oder Ackerfutter ansäen.

Ökologisch und wirtschaftlich problematisch

Für Martin Elsässer vom Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg in Aulendorf schwer zu begreifen. „Ein Umbruch ist aus rein ökologischer und wirtschaftlicher Sicht problematisch. Studien zeigen, dass damit erhebliche Mengen an CO2 und Nitrat freigesetzt werden. Außerdem sind hängige Flächen völlig der Erosion ausgesetzt bis die neue Kultur aufläuft. Ganz zu schweigen von der Artenvielfalt, die sich in Grünland entwickelt. Der Umbruch zerstört diese wieder.“

Ähnlich sieht es Karl Bauer von der österreichischen Landwirtschaftskammer: „Die ökologischen Aspekte sind von zentraler Bedeutung. Gerade in Verbindung mit der flächengebundenen Tierhaltung. Außerdem gibt es wirtschaftliche Gründe. Es braucht keine Verpflichtungsregelung, sondern mehr freiwillige Anreize. Dann würden mehr Umweltleistungen auf diesen Flächen erreicht. Ganz ohne Bürokratie.“ Auch für die Verwaltungen sieht er die Pflugregelung skeptisch: „Es ist ein immenser bürokratischer Aufwand das alles für Leistungsabgeltungen und Direktzahlungen zu verwalten. Jede Änderung muss man genau im INVEKOS-GIS abbilden.“

Stichtag als bessere Lösung?

Auch in der Politik scheint das Problem angekommen zu sein. Auf eine Anfrage des LANDWIRTS schreibt das deutsche Bundeslandwirtschaftsministerium zwar: „Man muss auch die Größenordnungen sehen. So sind zwischen 16. Mai 2018 und 15. Mai 2019 etwa 5.900 Hektar mit Gras oder anderen Grünfutterpflanzen bewachsene Flächen, die noch kein Dauergrünland waren, gepflügt worden. Die gesamte Dauergrünlandfläche beträgt dagegen rund 4,75 Millionen Hektar. Sie hat sich sogar leicht erhöht in den letzten Jahren. Von 2018 auf 2019 waren es 38.000 Hektar mehr. Das zeigt, dass viele Landwirte keine Maßnahmen ergreifen, um die Dauergrünlandentstehung zu verhindern.“

Dennoch wollen sich Bund und Länder für einer Änderung der Regelung auf EU-Ebene einsetzen. Das Baden-Württembergische Landwirtschaftsministerium sagt dazu: „Im Rahmen der Direktzahlungen wäre eine Beschränkung des Dauergrünlanderhalts auf die ökologisch besonders wertvollen Flächen mit altem und sensiblem Dauergrünland mit Stichtagsregelung als Vereinfachung vorstellbar und sinnvoll.“ Laut dem bayerischen StMELF sollen Flächen, die vor einem Stichtag Ackerland waren, dauerhaft den Ackerstatus behalten. Unabhängig davon, ob der Landwirt Grünland darauf anbaut.

Martin Elsässer ergänzt: „Das ist für Landwirte vielleicht kurzfristig gut. Wenn über zehn Jahre oder länger Grünland auf Ackerflächen wächst, steigt dort natürlich auch der ökologische Wert. Wird die Fläche dann umgebrochen, kann der ökologische Schaden höher sein. Je nachdem, was dann folgt. Im schlechtesten Fall für den Landwirt stufen die Naturschutzbehörden das Grünland dann als besonders wertvoll ein. Wenn sie den Umbruch verbieten, haben die Landwirte nichts gewonnen.“

Konstanter Grünlandanteil als Alternative

Karl Bauer sieht eine Alternative: „Die EU sollte die Umweltleistungen von Dauergrünland und Grünland auf Ackerflächen als Einheit betrachten. Dabei soll Anteil dieser Flächen an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche auf Ebene der Mitgliedstaaten aufrechterhalten werden. Außerdem sollten über Programme zur ländlichen Entwicklung zusätzliche Anreize geschaffen werden, damit Landwirte ackerfähiges Grünland nicht umbrechen.“

Nach dem derzeitigen Stand der Beratungen ist bei der GAP-Reform keine grundlegende Änderung der Definition des Begriffs Dauergrünland vorgesehen. Insbesondere soll es bei der Fünf-Jahres-Frist für die Dauergrünlandentstehung bleiben. Auch die Pflugregelung will die EU beibehalten. Allerdings soll der Umgang mit dem Dauergrünland künftig im Rahmen der Konditionalität geregelt werden. Das heißt: Die EU gibt eine verbindliche ökologische Ausrichtung vor. Wie diese erreicht wird, bleibt aber den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen.