LandlebenFamilieDigitalisierung: Risiken, Nebenwirkungen und Gefahren

Digitalisierung: Risiken, Nebenwirkungen und Gefahren

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Digitale Medien verstärken die Kluft zwischen starken und schwachen Schülern.
Quelle: Juliya Shangarey/shutterstock.com

Zu Beginn des Lockdowns empfanden wir alle die medialen Anforderungen als Zumutung. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an den allgegenwärtigen Einsatz von Smartphone, Tablet und Laptop. Mitunter sind wir sogar begeistert, was man damit alles machen kann. Je länger die Krise allerdings andauert, umso mehr Unbehagen über die ausufernde digitale Nutzung macht sich breit.

Schule goes digital

Digitaler Heimunterricht zeigt die Grenzen vom Lernen in Eigenregie auf. Gute Schüler, die ohnehin leicht lernen, tun sich damit nicht schwer und schätzen die scheinbare Freiheit, die sie damit genießen. Je schwerer ein Schüler jedoch lernt, desto mehr benötigt er oder sie Anleitung, Strukturierung, Unterstützung und auch Aufmunterung durch die Lehrer. Der bekannte Hirnforscher Dr. Manfred Spitzer erklärt: „Aus sehr vielen Studien weiß man schon lange, dass digitale Medien die Kluft zwischen starken und schwachen Schülern nicht verkleinern, wie oft behauptet wird, sondern vergrößern. Die Kluft zwischen den guten und den schwachen Schülern nimmt daher gerade jetzt in der Coronakrise stark zu.“ Dieses Phänomen erklärt der Wissenschaftler mit der Tatsache, dass Krisenzeiten extrem gute und extrem schlechte menschliche Verhaltensweisen hervorbrächten. Dies hänge davon ab, was im Menschen bereits vorhanden wäre.

Förderpädagogik im Test

Ein gutes Sprach-, Lese- und Rechtschreibtraining funktioniert zwar bis zu einem gewissen Maße online, jedoch kann es niemals ein Training vor Ort ersetzen, in dem mit „angreifbaren“ Lernmaterialien gearbeitet werden kann. Die meisten Legastheniker und Dyskalkuliker bevorzugen etwa „Learning by doing“: Wörter werden nicht nur einfach gelesen und aufgeschrieben, sondern müssen im wahrsten Sinn des Wortes mit Holzbuchstaben, Knete, Sandwanne und anderen Hilfsmitteln begriffen werden. Dies funktioniert über Online-Schulunterricht nicht. Eltern lernschwacher Kinder sollten ihre Kinder entweder selbst vermehrt unterstützen oder fachliche Hilfe auch in der Zeit des Heimunterrichtes und bei Bedarf darüber hinaus in Anspruch nehmen, damit der digitale Unterricht keine negativen Langzeitfolgen für ihr Kind hat.

Smartphone als Dauergast

Könnte man in alle heimischen Wohnzimmer blicken, böte sich vielerorts in Familien dasselbe Bild: Eltern und Kinder sitzen zwar beisammen, jedoch nicht miteinander, weil Mama und Papa ihr Smartphone in der Hand halten und darauf ihre Blicke gerichtet haben. Die Kinder quengeln, weil sie die uneingeschränkte Aufmerksamkeit ihrer Eltern genießen möchten. Mama oder Papa wollen aber noch schnell ihre Social-Media-Kanäle checken und reagieren genervt. Die Kinder jammern dann noch lauter. So beginnt ein Kreislauf, der Unruhe und Unzufriedenheit in Familien hervorruft.
Steter Smartphonegebrauch in Familien bewirkt, dass weniger kommuniziert wird: sowohl tatsächlich als auch nonverbal. Dadurch bekommen Kinder nicht genügend Beachtung, Aufmerksamkeit und Augenkontakt von ihren Bezugspersonen. Vielmehr haben sie den Eindruck, dass sie ständig mit einem kleinen rechteckigen Gerät, das die Aufmerksamkeit von Mama und Papa so sehr in Anspruch nimmt, konkurrieren müssen. Beobachtet man Kleinkinder beim Spielen, bemerkt man häufig, dass sie sich alle möglichen Gegenstände ans Ohr halten und „Hallo“ sagen oder wie wild auf Bausteine oder ähnliche Spielsachen eintippen und irgendetwas murmeln. Kinder sind wie ein Spiegel, auch unserer digitalen Verhaltensweisen. Wir sollten nie vergessen, dass es schlichtweg unhöflich ist, wenn man mit anderen spricht und dabei ins Smartphone statt in die Augen des Gesprächspartners blickt. Daher ist es nicht nur empfehlenswert, sondern unbedingt notwendig, dass innerhalb einer Familie bewusst handyfreie Zeiten und Zonen geschaffen werden!

Smartphones als Ersatzgehirn

„Dank meines Smartphones belaste ich mein Gehirn nicht mehr mit unnötigem Kleinkram und habe mehr Kapazität für wirklich Wichtiges. Ich kann ohnehin alles googlen!“, mit dieser Einstellung schummeln sich viele Schüler und Studierende durch ihre Ausbildung.
Dieser Ansicht widerspricht der Gehirnforscher Manfred Spitzer: „Das Argument scheint auf den ersten Blick plausibel: Wenn weniger drin ist, passt mehr rein; wenn ich also geistige Inhalte nicht mehr im Kopf, sondern auf meinem digitalen Endgerät mit mir herumtrage, dann habe ich im Kopf viel mehr Platz. Und doch ist das vollkommen falsch! Menschen lernen im Laufe ihres Lebens sehr viel: Laufen, Sprechen, alles, was es auf der Welt gibt und wie man es benennt – durch viele Erfahrungen. Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, hinterlässt jede geistige Aktivität – Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Planen, Wollen etc. – Spuren im Gehirn. Denn geistige Aktivität geht mit der Aktivität von Nervenzellen einher, die miteinander in Kontakt sind und sich elektrische Impulse gegenseitig zuspielen.“ Es gelte also: Je mehr das Gehirn verarbeitet, desto mehr speichert es auch. Und: Je mehr das Gehirn gespeichert hat, desto besser kann es verarbeiten.
Eltern, die selber bei jedem Thema sofort zum Handy greifen und Informationen suchen, vermitteln dem Kind, dass das Internet in jedem Lebensbereich der Weisheit letzter Schluss sei. Dadurch wird kritisches Hinterfragen verhindert. Nicht alles ist richtig und gut, nur weil es online abrufbar ist. Mit dieser Tatsache kämpfen auch Internet-Enzyklopädien. So manche Fehlmeldung wird immer wieder zitiert und gelangt so in Umlauf. Nicht umsonst heißt es: „Das Internet vergisst nicht.“

Cybersicherheit

Ein weiterer wichtiger Aspekt der digitalen Nutzung betrifft auch die Sicherheit beim Einsatz digitaler Medien. Hackerangriffe und Datendiebstahl, also Cyberkriminalität, sind ein ernstzunehmendes Problem. Kinder sollten altersgemäß über die Gefahren im Internet aufgeklärt und grundsätzlich beim Gebrauch des Internets nicht alleine gelassen werden. Sicherheitsprogramme, die Eltern installieren können, um gewisse Inhalte und bestimmte Verkaufsseiten nicht „in Kinderhand“ zu übergeben, sind eine sinnvolle Investition.
Achtsamer Umgang und internetfreie Lebensbereiche sind gerade in Zeiten wie diesen wichtig. Für uns selbst, aber vor allem auch für unsere Kinder und Enkelkinder, die zu keiner Zeit ihres Lebens das Vorrecht hatten, ein Leben ohne Smartphone und mit viel mehr Präsenz von „echten Menschen“ zu genießen. Die Zeit des Distance Learnings und des Lockdowns haben uns gelehrt: Kein digitales Meeting kann ein reales Treffen mit unseren Freunden und Verwandten ersetzen.

Buchtipp

Manfred Spitzer, Digitales Unbehagen – Risiken, Nebenwirkungen und Gefahren der Digitalisierung

Das neu erschienene Buch behandelt in kurzen Kapiteln viele verschiedene Aspekte unserer digitalen Welt:

Manfred Spitzer

Digitales Unbehagen – Risiken, Nebenwirkungen und Gefahren der Digitalisierung

mvgverlag

ISBN 978-3-7474-0224-5

Erhältlich über die Bücherquelle