AckerbauPflanzenschutzZuerst das Wasser, dann noch Säure

Zuerst das Wasser, dann noch Säure

Die meisten Pflanzenschutzmittel wirken besser und schneller bei niedrigem pH-Wert. Foto: Paar

Immer mehr Pflanzenschutzwirkstoffe verschwinden vom Markt. Die Gründe dafür sind oft fachlich nicht nachvollziehbar. Daher müssen wir lernen, in Zukunft mit weniger Wirkstoffen auszukommen. Dies trotz der steigenden Gefahr von Resistenzen unterschiedlichster Schadorganismen gegenüber bestimmten Wirkstoffen. Damit die restlichen Wirkstoffe in Zukunft auch noch ordentliche Arbeit leisten, müssen wir uns das Wasser einmal genau anschauen – das Wasser, in dem wir unsere Mittel lösen und aufs Feld ausbringen. Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Und die Einflüsse sind groß. Die Pflanzenschutzarbeit wird vor allem durch die Härte des Wassers beeinflusst. Als ideal gilt Wasser, wenn es eine Gesamthärte unter 14 ° Deutscher Härte aufweist. Je härter das Wasser, desto mehr freie Ionen sind enthalten. Diese binden sich an die Pflanzenschutzwirkstoffe. Dadurch geht die Wirkung ganz oder teilweise verloren. Besonders wichtig ist die Carbonathärte. Entscheidend hierfür ist die Anzahl der Kalzium (Ca)- und Magnesium (Mg)-Ionen. Diese können wir durch die Zugabe von Zitronensäure oder Ähnlichem binden. Ebenso binden sich andere gelöste Ionen im Wasser, wie Eisen (Fe) und Mangan (Mn), an die Wirkstoffe. Ist bei diesen beiden die Konzentration im Wasser zu hoch, so können wir nur mit einer Wasseraufbereitungsanlagen entgegenwirken. Neben der Härte spielt aber auch der pHWert des Wassers eine wichtige Rolle. Dieser beeinflusst die Löslichkeit und den Abbau von Wirkstoffen. Grundsätzlich sollten wir bei der Spritzbrühe einen pH-Wert zwischen 6 und 6,5 anpeilen. In diesem Bereich ist es für die Pflanzen verträglicher. Es gibt aber auch Wirkstoffe, die ihr Optimum bei einem pH-Wert um 5 entfalten, sowie auch welche, die bei pH-Werten um 8 optimal wirken.

Ansäuern der Brühe

Grundsätzlich unternehmen die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln alles, um die Wirkung ihrer Mittel abzusichern. Doch in einigen Gegenden mit sehr hoher Wasserhärte und/ oder hohem pH-Wert reicht das nicht aus. Hier müssen Landwirte zusätzlich nachbessern. Das ist vor allem im Osten Österreichs nötig, da hier das Wasser stark mit Kalk angereichert und der pH-Wert hoch ist. Aber auch im Rest Österreichs ist es bei bestimmten Pflanzenschutzmitteln wichtig den pH-Wert zu beeinflussen um eine ausreichende Wirkung zu gewährleisten. Durch den Zusatz von Säuren erreichen wir gute Erfolge sowohl bei der Carbonathärte als auch beim pH-Wert. Hier hat sich vor allem der Zusatz von Zitronensäure als sehr einfach und effektiv erwiesen. Mit knapp 65 Euro für 25 kg ist die Zitronensäure auch sehr kostengünstig. Aber auch Borsäure, Propionsäure oder Milchsäure als Zusatz wären denkbar. Die Zitronensäure verbindet sich mit den gelösten Ca- und Mg-Ionen im Wasser zu Citrat. Dieses Citrat verbindet sich nicht mehr mit den Wirkstoffen und beeinflusst die Pflanzenschutzarbeit nicht negativ. Zudem senkt die Säure den pH-Wert ab, was die Wirkung vieler Pflanzenschutzmittel verbessert. Nicht ganz so stark wirksam und anwenderfreundlich ist die Zugabe von Ammonsulfat (SSA), um Ca- und Mg-Ionen zu binden. Hier sind doch größere Mengen von mindestens 5 bis 10 kg/ha nötig, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Doch Vorsicht: SSA, Mg und Ca ergibt Gips, welches ausflocken kann, was wiederum zu Problemen führt.

Auf Härte reagieren …

Das Insektizid Malathion – bekannt von Fyfanon – zum Beispiel bindet sich an im Wasser gelöste Mg-Ionen. Das kann zu massiven Ausflockungen führen. Keinesfalls darf man bei diesem Mittel Bittersalz beimengen. Im Jahr der Einführung des Mittels gab es teils Probleme mit totaler Verstopfung des Pflanzenschutzgeräts. Hier reicht der Zusatz von 100 bis 150 g Zitronensäure pro 100 l Wasser als Gegenmaßnahme. Phenmedipham – bekannt von „Betranalprodukten“ in der Zuckerrübe – wäre ohne Zusatzstoffe nahezu unwirksam. Die Mittel werden aber von den Herstellern bereits gut abgesichert. In Gebieten mit hoher Carbonathärte sichert die Zugabe von Zitronensäure die Wirkung. Glyphosat verliert ohne Zusätze ebenfalls bis zu 70 % der Wirkung. Es ist in der Regel jedoch gut formuliert. Bei Nachbauprodukten empfiehlt sich trotzdem die Zugabe von Zitronensäure und eventuell ein Netzmittel. Auch Wachstumsregler sind sehr empfindlich auf Kalk im Wasser. Sie sind aber auch zur Genüge abgesichert und es bedarf keiner weiteren Konditionierung. Sulfonylharnstoffe sind ebenfalls empfindlich auf gelöste Ionen im Wasser.

Auf pH-Wert reagieren …

Die Gruppe der Insektizide, aber vor allem die Pyrethroide und die Organophosphate benötigen einen niedrigen pH-Wert. Wünschenswert wäre ein pH-Wert unter 5. Das sichert Wirkung und Wirkungsdauer ab. Bei pH-Werten über 8 sind diese Wirkstoffe fast unwirksam. Besonders die Zugabe von Bor (als Borethanolamin) erhöht den pH-Wert. Die Mischung von Bor mit Insektizid ist für den Praktiker bei der Rapsspritzung sehr beliebt. Hier muss jedem klar werden, dass die Wirkung deutlich eingeschränkt wird. Es ist gut möglich, dass die Resistenz der Rapsglanzkäfer zum Teil von dieser Maßnahme herrührt. Wenn Sie Bor zumischen wollen, dann müssen Sie durch Zugabe von Säuren den pH-Wert massiv hinunterdrücken. Je nach Wasser benö tigen Sie schon mal 200 g Zitronensäure pro 100 l Wasser, um die Borgabe auszugleichen. Sie können aber auch auf Produkte wie Borsäure (Folicin Bor oder Epso Mikrotop) umschwenken. Diese enthalten Bor und senken gleichzeitig den pH-Wert leicht ab. Neben den Insektiziden ist der pH-Wert auch bei vielen Wachstumsreglern, Wuchsstoffen, manchen Fungiziden und Gräsermitteln wichtig und schützt diese vor dem Abbau. Viele der genannten Stoffe sind meistens gut formuliert oder haben bereits Zusatzstoffe dabei, so dass normalerweise keine weitere Zugabe von Säuren erforderlich ist. Bei Wuchsstoffen sollten Sie keinesfalls niedriger gehen als pH 6 bis 6,5. Bei diesen Stoffen handelt es sich um gelöste Salze, die bei niedrigen pH-Werten ausflocken. Falls das mal passiert, sollten Sie mit Salmiakreiniger oder Bor den pH-Wert wieder so weit erhöhen, dass sich das Geflockte wieder löst. Allgemein gilt, dass ein niedriger pHWert die Wirkstoffe „schärfer“ und schneller wirksam macht. Das birgt jedoch auch Risiken und kann manchmal zu Schäden an den Pflanzen führen.

Ein Sonderfall

Viele der gängigen Getreide- und Maisherbizide gehören zur Gruppe der Sulfonylharnstoffe. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wirkstoffen benötigen diese einen hohen pHWert. Auf der anderen Seite vermindert auch hier eine hohe Anzahl freier Ionen im Wasser die Wirkung. Deswegen sollten Sie zuerst Zitronensäure zugeben, um das Ca und das Mg zu binden. Danach stellen Sie den pH-Wert mit flüssigen Bordüngern, Natronlauge oder Salmiakreiniger auf 8 ein. Erst nach dieser Konditionierung geben Sie den Wirkstoff unter ständigem Rühren bei. Damit es zu keinen ungewünschten chemischen Reaktionen kommt, sollten Sie bei Sulfonylharnstoffen auch auf Mischungen mit weiteren Wirkstoffen verzichten. Praxisversuche zeigten, dass die konditionierte Spritzbrühe beim Getreideherbizid Biathlon eine leicht bessere und schnellere Wirkung auf die Unkräuter hatte. Besonders interessant scheint die Konditionierung auch bei Debut in Zuckerrüben. Eine Soloanwendung erfasste Problemunkräuter in der Rübe besser als bei Mehrfachmischungen. Dass die verbesserte Soloanwendung deutlich „schärfer“ war, zeigte sich durch stärkere Aufhellungen der Blätter. Nachdem „Betanalprodukte“ zur Wirkungsabsicherung mit Zitronensäure eine deutlich bessere Wirkung zeigen, wäre die Zugabe von Debut – welches einen hohen pH-Wert benötigt – kontraproduktiv. Deshalb ist die Soloanwendung zu bevorzugen. Ganz wichtig zu wissen bei Sulfonylharnstoffen ist auch ihr Abbauverhalten. Vor allem in trockenen Jahren und auf alkalischen Böden stockt der Abbau. So kommt es vor, dass der im Spätsommer angebaute Raps oder die Zwischenfrucht auf Reste des Sylfonylharnstoffes im Boden empfindlich reagiert und Schäden erleidet.

Wie viel Säure?

Wenn Sie für den Pflanzenschutz das öffentliche Wasser aus der Leitung verwenden, so sollten Sie beim Gemeindeamt eine genaue Analyse bekommen. Sind keine Analyseergebnisse greifbar, oder falls Sie das Wasser aus einem Brunnen entnehmen, können Sie mit einfachen Teststreifen aus dem Baumarkt das Wasser selbst analysieren. Achten Sie dabei darauf, dass die Streifen gleichzeitig die Gesamthärte, die Carbonathärte und auch den pHWert messen. Dann gibt es noch einfache pHWert- Messgeräte. Diese erlauben auch einen Rückschluss auf die Carbonathärte. Wenn Sie Regenwasser auffangen und nutzen, achten Sie speziell auf die Reinheit des Wassers. Keinesfalls darf das Spritzwasser Algen enthalten. Diese binden sich wie die freien Ionen auch an die Wirkstoffe und blockieren so die Wirkung. Bei der Menge der Säure gibt es leider keine fixen Regeln, die man einhalten kann. Jeder Brunnen ist anders. Sogar über das Jahr liefert ein Brunnen unterschiedliche Werte beim pHWert und dem Gehalt an gelösten Ionen. Das kommt auf die Regenverhältnisse und die Grundwasserbildung an. Deshalb sollten Sie mithilfe von Mischversuchen die richtige Menge an Zitronensäure eruieren. Richten Sie dazu eine Mischung im richtigen Verhältnis in einem 10-l-Eimer an und schauen Sie ob es zu einer unerwünschten Schleierbildung oder gar zu einer Ausflockungen kommt. In diesem Fall geben Sie so lange Zitronensäure bei, bis sich die Brühe normalisiert oder Sie den gewünschten pH-Wert erreicht haben. Beim Befüllen der Spritze halten Sie dann aber wieder die gewohnte Reihenfolge ein. Zuerst das Wasser, dann die Säure bis zur vollständigen Lösung einrühren, und erst danach das Pflanzenschutzmittel beigeben. Die erforderlichen Werte schwanken stark zwischen ca. 20 g/100 l Wasser in manchen Teilen des Waldviertels bis zu 300 g/100 l Wasser oder noch mehr. Es kann durchaus sein, dass in manchen Regionen überhaupt keine Säure gebraucht wird. Deshalb kann man gar nicht oft genug betonen wie wichtig es ist sein Wasser zu kennen und immer wieder Messungen zu machen.

Weniger ist mehr

Die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln hängt davon ab, welches Wasser zur Pflanzenschutzarbeit verwendet wird. Manche Inhaltsstoffe wie gelöste Ca-, Mg-, Fe- und Mn-Ionen können Wirkstoffe binden und somit unwirksam machen. Der pH-Wert kann den Abbau der Wirkstoffe vorantreiben oder deren Löslichkeit verändern. Eine Messung mit Teststreifen oder Messgeräten ist anzuraten. Probemischungen in einem Eimer helfen die notwendigen Mengen an Zusatzstoffen herauszufinden. Vorsicht ist beim Mischen von verschiedenen Wirkstoffen und Blattdüngern sowie Wachstumsreglern geboten. Das Fehlerpotenzial ist hier sehr groß und die Auswirkungen auf die Pflanzen sind gewaltig. Nehmen Sie daher die Beratung der Pflanzenschutzfirmen in Anspruch bevor Sie etwas zusammenmischen. Generell ist es besser, weniger verschiedene Stoffe zusammenzumischen, da sich manche Stoffe gegenseitig negativ beeinträchtigen. Vor allem die Wirkung diverser Blattdünger wird meist überschätzt. Es kommt öfter mal zu Ätzschäden. Versuchen Sie daher die nötigen Nährstoffe für die Pflanzen an die Wurzeln zu bringen anstatt aufs Blatt. Bei Stresssituationen wie Hitze, Trockenheit oder Frost führt eine Blattdüngung schnell zu Mindererträgen von 10 bis 15 %. Versuchen Sie daher den Pflanzenschutz so verträglich und schonend wie möglich zu machen. Gehen Sie auf Nummer sicher und fahren Sie lieber einmal öfter übers Feld.