BioAcker und Grünland„Viele Krankheiten sind das Ergebnis verfehlter Düngung“

„Viele Krankheiten sind das Ergebnis verfehlter Düngung“

Dietmar Näser ist Berater für Bodenfruchtbarkeit und Vortragender in vielen Seminaren. Gemeinsam mit Friedrich Wenz hält er jährlich in mehreren europäischen Ländern den Bodenkurs im Grünen.
Quelle: privat

LANDWIRT: Was bedeutet regenerativ düngen?

Dietmar Näser: In der regenerativen Landwirtschaft ist es das Ziel, den lebendigen Humus wiederherzustellen. Durch Düngung zugeführte Nährstoffe sollen den Boden beleben. Das machen sie, wenn Nährstoffverhältnisse im Boden beachtet werden, weil sie starken Einfluss auf die Bodenstruktur haben. Denn die Struktur ist der Wohnort von Mikroben, Wurzeln und Bodentieren. Nährstoffe sind durch einen belebten Boden grundsätzlich besser verfügbar, deswegen ist die bodenbelebende Düngung wirtschaftlicher als die Düngung nach Entzug. Letztere ignoriert die Leistungen des Bodenlebens und der Pflanzen.

Viele Bauern sind überfordert mit neuen Düngeempfehlungen abseits der klassischen Bodenuntersuchungen.

Die klassischen Bodenuntersuchungen liefern Düngeempfehlungen auf Basis des Pflanzenentzugs und in Form einer Auswahl leicht löslicher Nährstoffe. Die Bodenanalysemethode nach Albrecht bzw. Kinsey stellt Nährstoffverhältnisse und die Leistungsfähigkeit des Feldstücks in den Vordergrund. Nährstoffverhältnisse haben eine stärkere Düngewirkung als die Entzugsdüngung. Wird Boden zudem belebt, nimmt die Nährstoffeffizienz zu und die Düngung kann reduziert oder sogar komplett vermieden werden.

Von Düngerreduktion ist man aber bei Empfehlungen von mehreren Hundert Kilogramm Kaliumdünger oder 250 Kilogramm Schwefel weit entfernt.

Das sind einmalige Empfehlungen für mehrere Jahre. Die Mengen müssen bei Albrecht auch nicht auf einmal aufs Feld gekippt werden. Wenn man die Empfehlung über Jahre sukzessive erfüllt, geht die Umsetzung im Boden schneller und es ist nicht so teuer. Das bessere Pflanzenwachstum stellt sich normalerweise sofort ein.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Düngung?

Kalk, Magnesium, Schwefel, Mikronährstoffe, aber auch organische Dünger sollte man vorrangig im Herbst, zu den Zwischenfrüchten, geben. Die so gedüngten Nährstoffe werden so in die organische Form übergeführt. Dann braucht man nur Teilmengen.

Viele Bio-Bauern kritisieren, dass diese Methode zur Konventionalisierung des Bio-Landbaus führt und Düngung abseits des Betriebskreislaufs nicht ihren Vorstellungen entspricht. Was sagen Sie denen?

Man muss wissen, was man will. Von selbst passiert nicht viel. Die Nährstoffbindung im Humus erfordert auch eine zeitweilige Zufuhr bisher nicht beachteter Nährstoffe, wie Schwefel, Magnesium und Bor. Dann wirken die eigenen Dünger besser. Und mit einer solchen Bodenuntersuchung können eigene Düngefehler erkannt und vermieden werden.

Wenn jemand mit der Methode starten will, was würden Sie ihm als Einstieg empfehlen?

Am besten, man fängt mit wenigen Feldstücken und einem besonders auffälligen Feld an, das aus dem Betriebsdurchschnitt fällt. Auf Feldern mit schwierigen Böden sind meist die größten Entwicklungen zu sehen, und das motiviert dann zum Weitermachen. Die wichtigsten Einstiegsmaßnahmen sind die Düngung im Herbst in die Zwischenfrüchte und die Schwefelversorgung.

Warum spielt der Schwefel eine so große Rolle?

Er ist ein wichtiger Nährstoff für die Pflanzen und wird im Verhältnis 1_: 10 zu Stickstoff verbraucht. Außerdem kann er überschüssige Basen an sich binden und damit die Bodenstruktur lockern. Schwefel ist außerdem am Humusaufbau beteiligt. Dazu braucht man aber mehr Schwefel, als für den Pflanzenentzug benötigt wird.

Sie betonen oft die Nährstoffverhältnisse und die Kationenaustauschkapazität.

Die Kationenaustauschkapazität (KAK) ist ein Maßstab für die Bindefähigkeit des Bodens für Kalzium, Magnesium, Kalium und Energie in Form von Wasserstoff-Kationen, H+. Die Basensättigung am Austauscher sollte ca. 85– 90_% betragen, der Rest ist mit H+-Ionen belegt, die säurelösliche Nährstoffe wie Phosphor mobil machen. Die Basensättigung von 85– 90_% sollte sich weiters auf ein Verhältnis von 68_:_12_: 5 : 1 der Nährstoffe Kalzium, Magnesium, Kalium und Natrium beziehen. Oft ist in einem Boden das Verhältnis verschoben. Dann gleichen die Erträge im Verhältnis zur Düngung dem Fahren mit angezogener Handbremse. Hier können eine Kalkung und eine Schwefelgabe zur Zwischenfrucht bei der nachfolgenden Erntefrucht die Erträge erhöhen. Zudem verschwindet in optimal eingestellten Böden so manches Beikraut und Schädlinge lassen von den Pflanzen ab.

Beikräuter verschwinden mit dieser Düngung?

Beikräuter keimen besser, wenn die biogene Nährstoffbindung, z. B. von Stickstoff und Kalium, wegen eines schwachen Bodenlebens auch schwach ist. Mit zunehmendem Bodenleben steigt aber die Humusbildung und der Unkrautdruck nimmt ab. Viele Beikräuter sind Zeigerpflanzen für ungebundene Nährstoffe oder eben das Anzeichen dafür, dass ein Nährstoff oder Bodenleben fehlt.

Und Schädlinge können mit Düngung vertrieben werden?

Gesunde Pflanzen ohne Stress sind für Schädlinge unsichtbar. Diese orientieren sich oftmals durch Geruchsstoffe und gesunde Pflanzen riechen ganz anders als gestresste. Laut Albrecht ist ein ausgewogenes Stickstoff- Schwefel-Verhältnis wichtig. Fehlt der Schwefel, so können die Pflanzen ihre Proteine nicht vollständig aufbauen. Die Schädlinge ernähren sich von diesen unfertigen Pflanzeneiweißteilen. Mit vollständigen Proteinen können sie hingegen nichts anfangen. Rapsschädlinge, Getreidehähnchen, Blattläuse und Kartoffelkäfer sind die besten Beispiele dafür. Viele Krankheiten sind das Ergebnis verfehlter Düngung.

Wie sieht der Zugang der regenerativen Landwirtschaft zum Einsatz von Wirtschaftsdüngern aus? Wichtig ist, dass Wirtschaftsdünger in wachsende Bestände und nicht zur Aussaat auf den blanken Boden ausgebracht werden. Dies ist wichtig, um die negativen Auswirkungen zu minimieren. Außerdem werden die Nährstoffe so einerseits den wachsenden Pflanzen und andererseits dem Humusaufbau zur Verfügung gestellt. Eine zweite Maßnahme ist die Zugabe von milchsäurebildenden Mikroorganismen. Dadurch nimmt der Abbau der organischen Stoffe in die mineralische Salzform ab. Diese würde das Bodenleben stressen. Gleichzeitig verringern sich dadurch der Beikrautdruck und die Ausbringungsverluste, und die Düngewirkung steigt.