BioBio-SchweinSo funktioniert die Injektionsnarkose

So funktioniert die Injektionsnarkose

Foto: Hagmüller

Von Werner HAGMÜLLER und Paul SCHWEDIAUER

Die betäubungslose Ferkelkastration ist wohl das am meisten diskutierte Thema in der Schweinehaltung. In Deutschland ist der Ausstieg beschlossene Sache. Allerdings wurde das Ausstiegsdatum vom 1. 1. 2019 um zwei Jahre nach hinten verlegt. Seit Mitte des vergangenen Jahres ist in der österreichischen Bio-Landwirtschaft und beim konventionellen Label „Fair-HOF“ eine Betäubung bei der Kastration männlicher Ferkel nötig. Auch in Deutschland müssen sich Bio-Betriebe mit Alternativen beschäftigen. Viele Experten sind sich einig: Eine allgemeine Lösung für sämtliche Betriebe wird es nicht geben.

Isofluran und Ebermast in Deutschland

In Deutschland scheinen die Weichen für die Betäubung mit Isofluran gestellt zu sein, obwohl aus dem Landwirtschaftsministerium bereits ein etwas vorsichtigerer Ton zu vernehmen ist. Isofluran sei eine mögliche Alternative, wäre aber nicht vorteilhafter oder förderwürdiger als die Jungebermast oder die Impfung gegen Ebergeruch, so Agrarstaatssekretär Hans-Joachim Fuchtel. Man rechne mit einem Anteil der chirurgischen Kastration unter Narkose von ca. 50 %, von Norden nach Süden zunehmend. Es werde aber auch erwartet, dass alle verfügbaren Methoden eingesetzt werden, um für die Schweinehalter größtmögliche Flexibilität zu gewährleisten, so die deutsche Bundesregierung. In Österreich wurde die Narkose mittels Isofluran nie ernsthaft in Betracht gezogen. Zu kritisch wurden die Berichte aus der Schweiz interpretiert, die auf mögliche Anwenderrisiken verweisen. Auch die kleinere Struktur der Schweinebetriebe spricht gegen eine Anschaffung der aufwendigen Narkosetechnik. Nach Schätzungen der deutschen Bundesregierung werden sich die Kosten für die Anschaffung auf 3.000 bis 10.000 Euro belaufen, wobei der obere Wert deutlich realistischer erscheint.

Erfahrungen zur Injektionsnarkose

Nachdem die österreichische Bio-Landwirtschaft und das konventionelle Label „Fair- HOF“ seit Mitte vergangenen Jahres eine Betäubung bei der Kastration männlicher Ferkel vorschreiben, stellte sich die Frage, welche Methoden in Österreich überhaupt infrage kämen. Isofluran hatte 2018 keine Zulassung für Schweine. Ebermast ohne Impfung gegen Ebergeruch wurde und wird nach wie vor von der abnehmenden Hand abgelehnt. Allerdings wird die Impfung von den Bio-Kontrollstellen nicht erlaubt und ist auch für konventionelle Labels derzeit kein Thema. Eine örtliche Betäubung des Samenstranges vor der Kastration wird von Experten als „nicht ausreichend“ beurteilt, zumal auch Studien über die Wirksamkeit dieser Methode Mangelware sind.

Übrig blieb eine Form der Narkose, die bereits jahrzehntelang bei der Operation von Bruchferkeln und Binnenebern von Tierärzten angewendet wird und mit zugelassenen Medikamenten durchgeführt werden kann. Ketamin und Stresnil® werden intramuskulär oder intravenös verabreicht, die Ferkel sind nach wenigen Minuten in einem „chirurgischen Toleranzstadium“ und können ohne Bewusstsein kastriert werden. Klingt einfach, ist es aber nicht.

Eine aktuelle Erhebung zur Umsetzung der Kastration unter Injektionsnarkose zeigt, dass hinsichtlich der Dosierung, des Alters der Ferkel und der Zufriedenheit mit der Methode gravierende Unterschiede zwischen den betroffenen Bio-Landwirten bestehen. Der lange Nachschlaf und das arbeitswirtschaftlich aufwendige Verfahren wurden als häufigste Kritikpunkte genannt. Je nach Dosierung schlafen Ferkel zwischen 2 und 6 Stunden und versäumen mehrere Mahlzeiten. Das wirkt sich bei Ferkeln, die in der ersten Lebenswoche kastriert werden, deutlich stärker aus als bei älteren Ferkeln. Knapp ein Drittel der befragten Betriebe kastriert die Ferkel bereits in der ersten Lebenswoche.Erfreulich ist, dass die Verluste bei den meisten Betrieben unter der befürchteten 2%-Marke liegen.

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Lokalanästhesie oder Vollnarkose?

Bei der Lokalanästhesie erleben die Ferkel die Kastration bei Bewusstsein, nur der taube Bereich um den Hoden ist schmerzfrei. Sie nehmen dann zwar den Schnitt nicht wahr, das Ziehen am Samenstrang verursacht aber weiterhin Schmerzen. Aus diesem Grund beurteilen viele Experten eine lokale Betäubung als „nicht ausreichend“.

Zur Kastration mit Injektionsnarkose wird häufig eine Mischung aus zwei sich ergänzenden Wirkstoffen verwendet: Stresnil® wirkt beruhigend und mildert Stress, bei höherer Dosis verlieren die Tiere das Bewusstsein. Ketamin unterdrückt die Schmerzempfindung sehr zuverlässig, für stark schmerzhafte Operationen im Bereich des Bauches gilt die Wirkung aber als nicht ausreichend.

 

Dr. Werner Hagmüller leitet die Außenstelle Wels der HBLFA Raumberg-Gumpenstein. Paul Schwediauer arbeitet in der Abteilung Management Bio-Schwein an der Außenstelle Wels der HBLFA Raumberg-Gumpenstein.