RindKälberSo aktivieren Sie das Immunsystem beim Kalb

So aktivieren Sie das Immunsystem beim Kalb

Das Immunsystem schützt Kälber gegen Krankheitserreger. Foto: Taferner

Von Hans-Jürgen KUNZ

Um die Kälbergesundheit in der Mutterkuhhaltung zu verbessern, wird uns häufig eingeredet, dass wir mit einzelnen Maßnahmen ein Problem lösen können. Das ist in den seltensten Fällen möglich. Es gibt zwei Wege, die beide beschritten werden müssen. Zum einen muss die Abwehrkraft der Kälber gestärkt werden, zum anderen muss alles dafür getan werden, um den Infektionsdruck zu senken.

Rechtzeitig absetzen

Damit die Biestmilch der Mütter eine ausreichende Qualität hat, müssen die zuvor geborenen Kälber rechtzeitig von den Müttern abgesetzt werden, mindestens vier, besser acht Wochen vor dem Kalbetermin. Eine gute Biestmilchversorgung der Kälber ist in der Mutterkuhhaltung keine Selbstverständlichkeit. Drei Dinge beeinflussen die Versorgung der Kälber mit Immunglobulinen besonders stark. Zum einen ist es das Absetzmanagement zuvor geborener Kälber. Untersuchungen bei Milchkühen haben gezeigt, dass der Gesamteiweißgehalt im Kolostrum von Kühen, die durchgemolken wurden, im Vergleich zu Kühen mit einer Trockenstehzeit von 28 und 56 Tagen signifikant geringer war. Staufenbiel (2017) berichtet von Untersuchungen an 2.278 Kühen von einer Verringerung der Immunglobulin-Konzentration bei einer verkürzten oder entfallenen Trockenstehzeit. In der Mutterkuhhaltung ist die Gefahr sehr groß, dass Kälber zu spät von den Muttertieren getrennt werden und die Kühe keine ausreichende Zeit mehr haben, um ein qualitativ hochwertiges Kolostrum zu bilden. Die Trockenstehzeit sollte darum mindestens vier Wochen
betragen.

Erfolgsfaktor Biestmilch

Weiterhin wird der Immunglobulingehalt im Blutserum der Kälber sehr stark von der Zeitdauer, die von der Geburt bis zur ersten Milchaufnahme vergeht, beeinflusst, und als drittes beeinflusst natürlich die aufgenommene

Biestmilchmenge die Höhe des Immunglobulingehaltes im Blutserum der Kälber. Das eine ist dabei nicht vom anderen zu trennen. Je früher die Kälber Biestmilch aufnehmen, desto größer ist der Saugreflex und desto größer ist die aufgenommene Menge. Das zeigen Untersuchungen von Kim, Schmidt, Langholz, Derenbach (1983) sehr deutlich. Sie  verglichen zwei Gruppen von Mutterkuhkälbern, von denen die Kälber der einen Gruppe sofort nach der Geburt Milch bei ihren Müttern aufnehmen konnten, die anderen frühestens drei
Stunden nach der Geburt. Bei den Kälbern mit einer um drei Stunden verzögerten Biestmilchaufnahmemöglichkeit war die Resorption der aufgenommenen Immunglobuline im Vergleich
zur ersten Gruppe deutlich geringer (Tab.). Mutterkuhhalter können die erste Biestmilchaufnahme beeinflussen, wenn bei den Kälbern beispielsweise eine Saugschwäche beobachtet
wird. In einem solchen Fall liegt häufig ein Selenmangel vor.

Den Kühen Selen füttern

Oft schenken wir der Versorgung der Kühe und Kälber mit Mineralstoffen und Spurenelementen zu wenig Beachtung. Selenmangel kann die Ursache für lebensschwach geborene Kälber mit einem gestörten Saugreflex sein. Selen muss über eine ausreichende Versorgung der Mütter über die Milch an die Kälber weitergegeben werden. Selen wird für die Muskel- und Nervenfunktionen
benötigt. Die Auswirkungen beim jungen Kalb zeigen sich unter anderem in einem verminderten Saugreflex. Auch das Aufstehen fällt diesen Kälbern häufig viel schwerer. Selen kann über die Fütterung der Mutterkühe in der Milch angereichert werden. Da Selen in unseren Grundfuttern nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, muss darauf geachtet werden, dass Selen in der Muttertierfütterung zu jeder Zeit ergänzt wird. Die Empfehlung lautet 0,15 mg Selen pro Kilo Trockenmasseaufnahme. Nur eine mit Selen ergänzte Fütterung sorgt für eine ausreichende
Selenversorgung der Kälber über die Muttermilch.

Die Kälber mit Eisen versorgen

Eisen befindet sich ebenfalls bei den Kälbern im Defizit, zumindest solange sie im Stall gehalten werden. Ein Eisenmangel kann nicht über die Mütter ausgeglichen werden. In diesem Fall ist es notwendig, die Kälber direkt mit Eisen zu versorgen. Eine einmalige oder zweimalige Eisengabe ist in der Regel ausreichend. Eine Möglichkeit besteht darin den Kälbern Eisen zu injizieren. Um die Injektion nicht zu vergessen, kann den Kälbern zum Beispiel beim Einziehen der Ohrmarke einmalig subkutan 1.000 mg Eisen verabreicht werden. Damit ist jedes Kalb, das eine Ohrmarke trägt, mit Eisen versorgt.

Vorbeugend eingreifen

Häufig meinen wir, dass die Abwehrbereitschaft unserer Kälber alleine durch die Aufnahme von Biestmilch sichergestellt wird. Dafür sind jedoch die Immunglobuline in der Biestmilch nicht alleine zuständig. Mit der Biestmilch erhalten die Kälber wichtige spezifische Antikörper (Immunglobuline), die sich gegen spezielle im Bestand befindliche Erreger richten, meist Enterotoxische E. coli-Bakterien (ETEC). Darum ist darauf zu achten, dass die Kälber möglichst früh nach der Geburt Biestmilch aufnehmen. Spielen jedoch beispielsweise Rotaviren beim Durchfallgeschehen eine Rolle, wird der Anteil an Antikörpern in der Biestmilch, der auf Rotaviren spezialisiert ist, nicht ausreichen, um eine Infektion zu verhindern. Es sei denn, die Mütter wurden während der Trächtigkeit mit einem Impfstoff gegen Rotaviren immunisiert.

Antikörper gegen Endoparasiten, wie Kryptosporidien oder Eimerien, sind nur minimal in der Biestmilch enthalten und bieten keinen ausreichenden Schutz. Impfungen sind in diesem Fall nicht möglich. Um Infektionsproblemen vorzubeugen, sind Hygienemaßnahmen und in jedem Fall eine ausreichende Aktivierung des eigenen Immunsystems der Kälber notwendig. Bei den  Hygienemaßnahmen ist es wichtig, dabei auch antiparasitär wirkende Desinfektionsmittel einzusetzen, und das so häufig wie möglich.

Bedarfsgerecht füttern

Auch unsere Kälber werden, wie alle Säugetiere, mit einem aktiven eigenen Immunsystem geboren, das unabhängig von den spezifischen Immunglobulinen aus der Biestmilch dazu in der Lage ist, Viren, Bakterien und entartete Köperzellen zu vernichten. Um sie jedoch in ausreichendem Maße aktivieren zu können, müssen die Kälber mit Energie und Nährstoffen versorgt werden. Für ältere Kälber, die bereits Grundfutter fressen oder sich mit ihren Müttern auf der Weide befinden, ist dazu ebenso eine ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen, insbesondere mit Spurenelementen, wichtig.

Dr. Hans-Jürgen Kunz lehrt und forscht am Institut für Tierzucht und Tierhaltung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.