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Rohmilchautomaten in der Stadt

Anette Körbler und Klaus Pickl: „Wir bringen die Milch in die Stadt“ Foto: Auinger

Klaus Pickl dreht an einer Kurbel. Die Plattform des gelben Kurbellifts hebt sich mitsamt Milchtank. Dann hievt Pickl den Tank mit Hilfe der Hubkarre in den Milchautomaten. Während er am Automaten arbeitet, schieben Leute Einkaufswagen an ihm vorüber. Manch einer bleibt stehen und schaut ihm kurz zu. Pickls Automat steht vor dem Interspar der oberösterreichischen Stadt Wels, ein zweiter Automat beim Interspar Linz-Wegscheid. Seit November 2018 lädt der junge Milcherzeuger drei bis vier Mal die Woche seine 200-Liter-Tanks in den isolierten Anhänger und bringt die frische Rohmilch dorthin, wo viele Menschen einkaufen gehen – in einen großen Supermarkt. Da Pickl viele Kunden erreichen wollte, entschied er sich dazu, die Automaten in den umliegenden größeren Städten aufzustellen. So kamen die Städte Linz mit gut 200.000 Einwohnern und Wels mit knapp 60.000 Einwohnern zum Zug. Gemeinsam mit seiner Freundin Anette Körbler kreierte er die Marke „meiZENZI“. Klaus Pickl und seine Freundin Anette sind nicht nur bei der Vermarktung, sondern auch im Stall ein eingespieltes Team. Längst kennt Anette, Studentin an der Universität für Bodenkultur in Wien, alle 37 Kühe im Stall und deren Abstammung. Anette erzählt, dass Zenzi, die Namensgeberin der Milch, eine neugierige und stets motivierte Kuh ist. Klaus Pickl ergänzt: „Wir wollten einen Namen für unsere Rohmilch, der Emotionen weckt und den sich die Leute merken. Da kam unsere Zenzi ins Spiel. Mei Zenzi eben.“

 

 24 Stunden geöffnet

Anette füllt Glasflaschen in den Flaschenautomaten, der direkt neben dem Milchautomaten steht. Hier können die Kunden um einen Euro eine 1-Liter-Flasche kaufen. „Der Flaschenautomat ist sehr wichtig und wird gut angenommen“, erklärt sie. Wenn sie eine Palette mit 1.200 Flaschen kaufen, belaufen sich die Kosten pro Flasche auf 50 Cent. Im Durchschnitt zapfen die Kunden derzeit 50 Liter Milch pro Automat und Tag. Das Ziel des jungen Paares sind 100 Liter, damit sich diese große Investition auch amortisieren kann. Der Liter kostet 1,30 Euro. Da Rohmilch aus dem Automaten fließt, klebt darauf ein Aufkleber mit dem Hinweis „Rohmilch, vor Verzehr abkochen“, da dies gesetzlich so vorgeschrieben ist. Der Standort vor dem Geschäft war den beiden wichtig. „Unsere Automaten stehen in der Nähe von Wohngebieten. Die Leute holen auch am Sonntag Milch“, schildert Klaus Pickl. Die Automaten melden täglich per SMS, wie viel Milch gekauft wurde. Zudem kommt eine Nachricht, wenn der Tankinhalt unter 50 Liter fällt, damit der Tank rechtzeitig ausgetauscht werden kann. Am meisten Milch verkauft die Familie am Ende der Woche. Jeder Automatenstandort kostete 25.000 Euro. Die rostfreie Stahleinhausung entwarf der junge Landwirt gemeinsam mit einem lokalen Schlosser. Der Milchbauer erklärt: „Uns war wichtig, dass alle Bauteile gut zu reinigen sind. Deshalb kam Holz für uns nicht in Frage. Nebenbei ist diese Edelstahleinhausung auch noch ein richtiger Hingucker.“ 60.000 Euro investierte Familie Pickl in einen neuen Tankraum, einen Waschraum, den Anhänger und einen zweiten Milchtank. Der zweite Tank war nötig, da die Familie stets die frischeste Milch in diesen melkt und für den Automatenverkauf verwendet. Nachdem die Milch auf 3 °C gekühlt ist, wird sie in die Automatentanks gefüllt und verladen. Einen Kühlwagen verwendet Familie Pickl nicht, da sie maximal 1,5 Stunden bis zum zweiten Automatenstandort unterwegs sind und sich die Milch in dieser Zeit nicht auf über 6° C erwärmt. Für die Betreuung der Automaten benötigt die Bauersfamilie pro Lieferung vier bis fünf Stunden. Wenn Kunden am Automaten sind, ist es für Klaus Pickl wichtig, Zeit für Kundengespräche zu haben. Den Verarbeitungsraum plante der junge Landwirt gemeinsam mit dem niederösterreichischen Lebensmittelinspektor. Aktuell erweitern die Pickls ihren Laufstall, so dass sie die Herde auf 65 Kühe aufstocken können. Den alten Melkstand ersetzen sie durch einen Melkroboter. „Die Geschäftsführer von Interspar waren sofort von der Idee des Milchautomaten begeistert“, berichtete Pickl über die Gespräche mit dem Konzern. „Interspar ist umsatzbeteiligt und die Höhe der Standgebühr war Verhandlungssache. Wir konnten uns auf einen fairen Kostenschlüssel einigen.“

Kontakt zu den Kunden aufbauen

Nachdem die Automaten aufgestellt waren, standen Anette und Klaus täglich am Automaten und sprachen die Leute an. „Die Leute in der Stadt hören uns unglaublich gerne zu, da viele so gut wie keinen Kontakt zur Landwirtschaft haben“, erzählt Klaus Pickl. Die erste Palette Flaschen betrachtete das Team von mei- ZENZI als Werbeaufwand und verschenkte sie persönlich an potenzielle Kunden. Die Milchkundschaften waschen die Flaschen im Geschirrspüler und bringen sie wieder mit zur Zapfsäule. Wegwerfflaschen sind den umweltbewussten Kunden der Pickls ein Dorn im Auge. Sie bekommen viel positives Feedback für ihr unkompliziertes Mehrwegsystem. „Zudem schätzen unsere Kunden, dass unsere Milch natürlich ist, also weder pasteurisiert, homogenisiert noch mikrofiltriert ist“, schildert der Milchbauer. ESL-Milch wird durch Mikrofiltration entkeimt, damit sie länger haltbar wird. Verarbeiter ersetzen Frischmilch mehr und mehr durch ESL-Milch. „Wir bekommen auch Zuschriften von Leuten, die eigentlich dachten, sie seien laktoseintolerant, und uns mitteilen, dass sie unsere Milch vertragen“, berichtet der Direktvermarkter. Als Werbekanäle nützt das junge Paar die Medien ihrer Generation: Facebook, Instagram und Co. Hier informieren sie die Kunden über ihre Milch und den Betrieb. Drei bis fünf Stunden pro Woche investieren sie in Social Media und Kundenanfragen. Wenn die Automaten gut laufen und sie Erfahrungen gesammelt haben, steht das nächste Ziel fest: ein bis zwei weitere Automaten aufzustellen.