LandlebenFamiliePsychische Belastungen: Frühzeitig Hilfe suchen

Psychische Belastungen: Frühzeitig Hilfe suchen

In der Landwirtschaft zählen psychische Probleme auch heute oft noch als Zeichen für Schwäche.
Quelle: Ysbrand Cosijn/shutterstock

„Ich wollte mit meiner Mutter eigentlich über das Wochenende wegfahren. Jetzt hat sie abgesagt. Sie will meinen Vater nicht allein auf dem Hof lassen. Bei seinem derzeitigen Gemütszustand hätte sie sonst keine ruhige Minute.“ Harte Worte einer jungen Landwirtin, die eigentlich wegen etwas ganz anderem in der LANDWIRT Redaktion angerufen hatte. Aber bei weitem kein Einzelfall. Fast täglich erreichen uns Anrufe, in denen Leser von ihren Sorgen und Ängsten berichten. Meist sind es Gespräche, bei denen das Thema eher zufällig zur Sprache kommt. Man merkt jedoch immer: Die Menschen sind froh, dass sie sich ihre Probleme von der Seele reden können.

Wirtschaftliche Ängste und familiäre Sorgen

Die wirtschaftliche Schieflage auf vielen Höfen und die hohe Arbeitsbelastung sind dabei häufig nur der Ausgangspunkt psychischer Belastungen. Zwischen Ernte, Melken, Haushalt und Antragsformularen bleibt zumeist die Familie auf der Strecke. Am Küchentisch dreht sich alles nur noch um den Hof. Der Streit ist vorprogrammiert – zwischen Eheleuten genau- so wie zwischen Eltern und Kindern. Was dann folgt? Kritische Themen werden totgeschwiegen. So umgeht man zwar den Konflikt, aber im Innern brodelt es weiter. Ist dann auch noch das Verhältnis zu den Schwiegereltern angespannt oder braucht der Opa plötzlich rund um die Uhr Pflege, liegen die Nerven endgültig blank. Die Aussicht, dass es irgendwann wieder besser wird, rückt in weite Ferne. Eine gefährliche Spirale wird in Gang gesetzt. Eine Studie aus der Schweiz liefert dazu erschreckende Zahlen. Das Risiko, dass sich ein Landwirt das Leben nimmt, ist um 37 % höher als bei anderen Männern in der gleichen Gemeinde. Ähnlich sieht es in Frankreich aus. Die Selbstmordrate ist bei Landwirten gegenüber der Gesamtbevölkerung um 20 % höher, bei Milchbauern sogar um 30 %. In Frankreich begeht an jedem zweiten Tag ein Landwirt Suizid.

Mögliche Anzeichen für eine Depression

(diese Auflistung ersetzt in keinem Fall die gesicherte Diagnose durch einen Arzt/eine Ärztin)

Sie leiden seit mehr als zwei Wochen an…

  • gedrückter Stimmung
  • Interesselosigkeit, Freudlosigkeit
  • Schwunglosigkeit, bleierner Müdigkeit, innerer Unruhe
  • fehlendem Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl
  • verminderter Konzentrationsfähigkeit, starker Grübelneigung, Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen
  • starken Schuldgefühlen, vermehrter Selbstkritik
  • negativen Zukunftsperspektiven, Hoffnungslosigkeit
  • hartnäckigen Schlafstörungen
  • vermindertem Appetit
  • tiefer Verzweiflung und/oder Todesgedanken*

*Sollten Sie dieses Anzeichen haben, suchen Sie bitte umgehend einen Arzt oder eine Ärztin auf. Das lässt vermuten, dass Sie unter einer schweren depressiven Erkrankung leiden.

Hilfe annehmen ist kein Zeichen von Schwäche

Das Problem: Gerade die seelische Gesundheit ist bei vielen Landwirten immer noch ein Tabuthema. Sätze wie: „Burnout ist irgend so ein Psychoquatsch“, und „Was soll denn der Nachbar denken, wenn ich zum Seelenklempner muss?“, gehören häufig zum Alltag am bäuerlichen Küchentisch. Ein Irrglaube, der vielen in der Kindheit anerzogen wurde. Brigit Bratengeyer, Leiterin der österreichischen Initiative „Lebensqualität Bauernhof“, betreibt ein bäuerliches Sorgentelefon. Sie erklärt: „Buben bekamen früher gesagt: ‚Jammern dürfen nur Mädchen‘, oder ‚Das musst du ja wohl aushalten‘. Gerade denen fällt es heute schwer, sich Hilfe zu suchen. Bei uns am Sorgentelefon rufen zu 75 Prozent Frauen an.“ Die deutsche Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) bietet im Rahmen der Kampagne „Mit uns im Gleichgewicht“ ebenfalls Unterstützung bei seelischen Belastungen. Stefan Adelsberger, Mitarbeiter im Telezentrum der SVLFG ergänzt: „Männer warten oft viel zu lange, bis sie sich Hilfe holen. Da passiert es schon mal, dass besorgte Mütter und Ehefrauen sich vorab bei uns erkundigen, bevor dann der Mann oder der Sohn bei uns anruft.“

Das Sorgentelefon

Dort können Sie sich anonym und unverbindlich melden:

In Österreich:


In Deutschland:

 

Viele leiden, aber niemand zeigt es

Dass psychische Belastungen in der Landwirtschaft kein Einzelfall sind, zeigt die Statistik des bäuerlichen Sorgentelefons in Österreich. Im Jahr 2019 gingen hier allein 1.748 Anrufe ein. 16,5 % mehr als im Vorjahr. Über die Hälfte der Anrufer war älter als 50 Jahre. „Ein Zeichen, dass dort besonders Bedarf herrscht“, so Birgit Bratengeyer. „Diese Altersgruppe ist intensiv mit der Hofübergabe beschäftigt. Die Kinder werden erwachsen, da muss man sich als Paar erst einmal wieder neu finden. Auch die Pflege von Angehörigen spielt in dem Alter eine immer größere Rolle.“ Wer merkt, dass der Stein auf der Brust immer schwerer wird, sollte sich unbedingt Hilfe suchen. Fürs Erste ist man da bei den Sorgentelefonen am besten aufgehoben. Die Beratungen dort sind kostenlos und laufen auf Wunsch auch völlig anonym ab. Somit muss von dem Anruf niemand erfahren. Am anderen Ende der Telefonleitung sitzen ausgebildete Berater, die sich die Situation in aller Ruhe anhören. Dann helfen sie dem Anrufer, eine Lösung für sein Problem zu finden und schlagen die nächsten Schritte vor. Das kann eine Einzelberatung genauso sein wie ein Gruppengespräch unter Betroffenen. Ob im direkten Gespräch, am Telefon oder online. Die vielen positiven Rückmeldungen aus den zahlreichen Programmen zeigen: Es lohnt sich immer, Hilfe zu suchen. Denn nur so wird man die Last los und sieht auch auf seinem Betrieb wieder Licht am Ende des Tunnels.

Rund ein Viertel der Anrufe beim bäuerlichen Sorgentelefon in Österreich betraf Konflikte zwischen den Generationen. Ebenfalls große Sorgenbringer: Beziehungsprobleme in der Partnerschaft und Schwierigkeiten bei der Hofübergabe.
Quelle: Lebensqualität Bauernhof Jahresbericht 2019