LandtechnikLandmaschinentestLindner Lintrac 110, das Tiroler Aushängeschild

Lindner Lintrac 110, das Tiroler Aushängeschild

Der Lintrac 110 wurde auf der Agritechnica 2017 vorgestellt und ist eine gelungene Weiterentwicklung vom Lintrac 90. Letzteren haben wir 2015 getestet und die Ergebnisse im LANDWIRT 23/2015 veröffentlicht. Die Lintrac-Baureihe – in wenigen Monaten soll ein weiteres Modell hinzukommen – ist aus unserer Sicht nach wie vor der beste Kompromiss zwischen einem reinrassigen Hangmäher und einem Standardtraktor.

Der 110er wird – im Gegensatz zum 90er – nicht gefördert. Er erfüllt die Anforderungen im Rahmen des Programmes für ländliche Entwicklung in Österreich nicht. Dafür ist er aber ein echter Allrounder: Neben den vielfältigen Aufgaben in der Landwirtschaft passt er auch für komplexe Anforderungen im Kommunaleinsatz.
Lindner hat uns für unseren Praxis- und Prüfstandtest zwei Traktoren mit unterschiedlichen Radgrößen, mit und ohne Zwillingsrädern sowie mit und ohne Allradlenkung zur Verfügung gestellt. Sie waren über 150 Stunden im Einsatz.

Ein angenehmer Arbeitsplatz mit toller Rundumsicht.

Ein Bergfex

Der 110er Lintrac hat unübersehbar die Gene der Kundler Bergbauernspezialisten: Er ist kompakt in den Abmessungen, hat einen niedrigen Schwerpunkt, ist enorm wendig und trotzdem stark.
Der Radstand ist mit 2,35 m um einige Zentimeter kürzer als bei so manchem Mitbewerber. Unser umfangreich ausgestatteter Testtraktor, mit Rädern der Dimensionen 440/65R24 vorne und 540/65R34 hinten, brachte inklusive Frontladerkonsolen 5.220 kg auf die Waage. Bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 8.000 kg bleiben gute 2.780 kg Nutzlast. Damit sollte man in der Praxis das Auslangen finden. Der Transport von drei Silageballen – einer vorne und zwei hinten – ist somit in der Regel legal möglich. Doch Vorsicht bei der Vorderachslast. Ohne jegliche Anbaugeräte oder Ballastierung hat die BLT 2.230 kg Vorderachslast ermittelt. Bei der zulässigen Vorderachslast von 3.000 kg, bleiben nur 770 kg Nutzlast übrig. D.h., beim Anbau von schweren Frontgeräten ist ein Heckballast notwendig.

Die 4-Rad-Lenkung lässt sich mit diesem Terminal und auch in der Armlehne bedienen.

Der Wendige

Laut Hersteller werden rund 80 % aller Lintracs mit der optionalen Vierrad-Lenkung ausgeliefert. Diese reduzierte bei unserem Testtraktor den Wendekreisdurchmesser von 10,2 m auf 8,68 m. Diese zusätzliche Hinterachslenkung hat unsere Testfahrer schon beim kleinen Lintrac begeistert. Sie ermöglicht auch bei eingeschaltetem Allradantrieb ein spannungsfreies, enges Wenden. Folgende Lenkmodi lassen sich mit dem kleinen Terminal in der rechten B-Säule – die ungünstige Lage haben wir schon beim kleinen Lintrac kritisiert – einstellen: 4-Radlenkung, Mähbetrieb (die Hinterachse lenkt erst ab einem Vorderachseinschlag von etwa 15°), Hundegang, Schneekettenbetrieb (dieser reduziert den Lenkeinschlag der Hinterachse, um Beschädigungen am Fahrzeug zu vermeiden) und manueller Modus. Bezüglich der Bedienung hat Lindner bereits reagiert: Mit der neuen Preisliste 2019 ist das Verstellen der Hinterachslenkung auch auf der Armlehne möglich.
Bei aktiver Hinterachslenkung wird ab 20 km/h der Einschlag an der Hinterachse kontinuierlich reduziert. Ab 30 km/h stellt sie sich geradeaus. Positiv aufgefallen gegenüber dem kleinen Lintrac 90 ist, dass der Lenkzylinder für die Hinterachse vor der Achse liegt. Daher ist der Anhängeschlitten auch näher bei der Achse.

Beim Lintrac 110 lässt sich bei Bedarf mit diesem kleinen Hebel die Zugkraft erhöhen.

Perkins/FPT-Power ohne AdBlue

Der 110er Lintrac wird von einem Vierzylinder- Turbo-Dieselmotor von Perkins (gemeinsame Entwicklung mit FPT) angetrieben. Er hat uns sowohl auf dem Prüfstand als auch in der Praxis beeindruckt. Der Hersteller gibt eine Nennleistung von 83 kW/113 PS bei 2.200 U/ min an. Die BLT Wieselburg hat auf dem Prüfstand an der Zapfwelle bei 2.000 U/min eine Maximalleistung von 69,5 kW/94,5 PS gemessen. Der Leistungsverlust im Antriebsstrang beträgt 16,3 %. Das ist für einen stufenlosen Traktor mit diesem Ausstattungsumfang ein annehmbarer Wert. Der Konstantleistungsbereich umfasst knapp 500 Umdrehungen. Das maximale Drehmoment von 385,6 Nm erreicht der Motor bei 1.400 U/min. Der Drehmomentanstieg beträgt 36,1 %. Auch das Anfahrdrehmoment mit 126,6 % ist gut.
Der Dieselverbrauch mit 235 g/kWh im Bestpunkt ist durchschnittlich. Die Verbrauchsanzeige im Bordcomputer täuscht ein wenig: Sie zeigt durchschnittlich einen um 9,6 % niedrigeren Wert an, als tatsächlich verbraucht wird. Der Dieseltank fasst 125 Liter und sollte daher auch für einen langen Arbeitstag reichen.
Der Motor erfüllt die Abgasstufe IIIB. Die Abgasnachbehandlung erfolgt mit Dieselpartikelfilter (DPF) und Dieseloxidationskatalysator (DOC) sowie mit einer externen Abgasrückführung (EGR). AdBlue wird nicht benötigt. Die Abgasmessung zeigte uns keine Auffälligkeiten.

 

Armlehnenbedienung mit LDrive-Regler und Multifunktions-Joystick.

Stufenlos mit LDrive

Das leistungsverzweigte TMT11-Getriebe von ZF wurde speziell für diese Leistungsklasse entwickelt und unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom TMT09 im Lintrac 90. Rechts neben dem Fahrersitz gibt es einen kleinen Hebel, mit dem sich bei Bedarf die Zugkraft erhöhen lässt.
Ansonsten ähnelt das Getriebe dem des 90er Lintrac und bietet alle Vorzüge eines stufenlosen Antriebes. Der Lintrac fährt bis zu 43,7 km/h vorwärts und bis knapp 20 km/h rückwärts. Verbessert hat Lindner die Geschwindigkeitsverstellung mit dem LDrive-Rad und die Tempomatfunktionen. Erstere lässt sich jetzt in 0,1 km/h-Schritten verstellen. Zudem kann eine zweite Tempomatgeschwindigkeit gespeichert werden. Das Umschalten erfolgt durch Drücken des Drehrades.
Die Fahrtrichtung lässt sich mit der linken Hand am Lenkrad oder mit der rechten Hand mit zwei Tastern am Joystick in der Armlehne vorwählen.
Gelobt von unseren Testfahrern wurde die gute Verzögerung bei Die zentralen Bedienelemente: I.B.C.-Monitor und der LDrive-Regler mit Multifunktions-Joystick. Bergabfahrt. Diese lässt sich mit einem Fußtaster zwischen den Pedalen noch verstärken. Bei Betätigung wird das Übersetzungsverhältnis des Getriebes „eingefroren“ um die volle Motorbremswirkung ausnutzen zu können. Erst nach Hochdrehen des Motors wird die Fußbremse zu Hilfe genommen.
Wie beim Lintrac 90 gibt es auf Wunsch eine zusätzliche Feststellbremse für die Betriebsbremse. Der Hebel dafür sitzt rechts vom Armaturenbrett.

Vier Zapfwellengeschwindigkeiten mit der 430er-Mähzapfwelle im Heck – eine tolle Sache!

Top Zapfwelle und Hydraulik

Auch beim 110er Lintrac gibt es serienmäßig vier Zapfwellendrehzahlen im Heck: 430, 540, 750 und 1.000 U/min. Leider liegen die beiden Normdrehzahlen 540 und 1.000 U/min etwas über der Maximalleistung.
Die Haushalte von Getriebe und Hydraulik sind wie bei den anderen Lindner-Traktoren getrennt. Bei der Hydraulikleistung und den Hubkräften gibt es nichts zu meckern – maßgeschneidert für diesen Traktor. Die Messwerte der BLT Wieselburg entsprechen fast genau den Prospektangaben. Die Axialkolbenpumpe fördert bei Motornenndrehzahl 86,1 l/min. Das sind lediglich 2,3 % Verlust gegenüber den Herstellerangaben. Hinten an der Ackerschiene stemmte unser Testkandidat durchgehend 4.084 kg und vorne 2.470 kg. Zudem verlaufen die beiden Hubkraftkurven ideal: Sie nehmen nach oben hin leicht zu. Auch mit den 25 Litern entnehmbaren Öls sollte man in der Praxis in dieser Leistungsklasse das Auslangen finden. Lediglich der Hubweg der Fronthydraulik weicht geringfügig von der Norm ab. In der Praxis war das aber kein Problem.

Neben der serienmäßigen Kabinenfederung ist optional
auch eine Vorderradfederung erhältlich.

Der angenehme Arbeitsplatz

Für den 110er hat Lindner eine größere Kabine mit einer neuen Dachschale entwickelt. Die heißt TracLink-Kabine, da sie für die Aufnahme von GPS-Antenne- und Sensortechnik des Trac-Link-Pilots und weitere zukünftige Anwendungen vorbereitet ist. Gut gelungen ist auch das Lichtkonzept: Im Kabinendach gibt es nicht nur LED-Arbeitsscheinwerfer sondern auch abblendbare Fahrscheinwerfer, für den Fall, dass jene in der Motorhaube verdeckt sind – vorbildlich!
Als Fahrer fühlt man sich in der Kabine sofort wohl: Sie ist geräumiger und bietet vor allem mehr Kopffreiheit als die 90er-Kabine. Auch für den Beifahrer gibt es mehr Platz. Die Türen öffnen weit, fallen bei Schräglage am Berg nicht von selber zu und lassen sich ohne Anstrengung zuziehen. Die Sicht nach allen Seiten und durch das große Dachfenster ist gut. Gelobt wurden auch die weit ausstellbaren Heck- und Frontscheiben. Zudem lassen sich auch die beiden hinteren Seitenscheiben öffnen.

Die gefederte Vorderachse mit einem Federweg von 80 mm lässt sich bei Bedarf sperren und manuell anheben und absenken.

Etwas getrübt wurde unser guter Eindruck durch die Lärmmessung der BLT: 75 dB(A) ist nicht wenig. Unsere Testfahrer haben es aber nicht als unangenehm empfunden.
Wie beim 90er ist auch die Kabine des 110er Lintracs serienmäßig mechanisch gefedert, optional sogar mit Luftfederung. Zudem gibt es für den großen Bruder optional eine gefederte Vorderachse, die den Fahrkomfort nochmals erhöht. Sie hat einen Federweg von 80 mm, lässt sich bei Bedarf sperren und mit Kipptastern manuell anheben und absenken.
Der I.B.C-Monitor im Armaturenbrett ist einfach zu bedienen und zeigt alle wichtigen Informationen an. Einzig die Größe mancher Anzeigen haben wir schon beim kleinen Bruder bemängelt.
Die Armlehne mit dem „LDrive“-Controller, Schnellzugriffstasten für wichtige Funktionen und dem Multifunktions-Joystick bietet einen hohen Bedienkomfort. Das gilt auch für alle Elemente, die auf dem rechten Kotflügel platziert sind. Über Detailverbesserungen kann man natürlich diskutieren: Z.B. haben alle Knöpfe am Joystick dieselbe Form, daher ist ein „Ertasten“ von verschiedenen Funktionen nicht möglich. Die Einstellungen der Steuergeräte für verschiedene Anbaugeräte lassen sich nicht abspeichern. Das Radio im Kabinendach ist schwer einzusehen.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist der Lintrac 110 eine gelungene Weiterentwicklung vom Lintrac 90. Diese hat natürlich auch ihren Preis: Unser top ausgestatteter Testtraktor mit Allradlenkung kostet laut Preisliste 122.645 Euro inkl. 20 % MwSt.