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Lidl Deutschland floppt mit teurerem Schweinefleisch

Quelle: Shutterstock.com/defotoberg; Fotomontage

2020 war ein hartes Jahr für die deutschen Schweinehalter. Die Coronabedingt stark heruntergefahrenen Schlachtkapazitäten sorgten für übervolle Ställe. Dem nicht genug, ließ die Afrikanische Schweinepest die Preise dramatisch abstürzen. Gleichzeitig fordern Konsumenten und Tierschützer vehement von den Landwirten, das Tierwohl zu erhöhen. Die Stimmung unter den Bauern ist angespannt. Noch dazu bringt die seit Jahren aggressive Preispolitik des Lebensmitteleinzelhandels – insbesondere der Discounter – die Erzeuger immer mehr unter Druck. Viele deutsche Bauern wollten das nicht länger hinnehmen und blockierten im vergangenen Jahr, teilweise mit mehreren hunderten Traktoren, regelmäßig die Logistikzentren von Lidl, Aldi und Co. Ihre Forderung: Endliche faire Preise für die Erzeuger, Schluss mit Rabattschlachten und Lockangeboten mit Fleisch.

Ende des Vorjahres, als die Lage zu eskalieren drohte, schien einer die verzweifelten Rufe der Bauern tatsächlich zu erhören: Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören. Er reagierte Anfang Dezember 2020 auf die Bauerndemos vor mehreren Lidl-Lagern, indem er „pragmatische und unbürokratische Lösungen, wie mehr Geld auf die Höfe“ kommen soll, versprach. Schon am 10. Dezember folgten Taten: Lidl Deutschland hoben die Preise von zehn Schweinefleisch-Artikeln um einen Euro pro Kilo an. Somit kostete ein halbes Kilo Hackfleisch (Faschiertes) statt 2,70 Euro nun 3,20 Euro. Auf den Preisschildern zu sehen: der durchgestrichene bisherige Verkaufspreis, der neue Preis sowie ein Traktor (als Symbol dafür, dass man hiermit auf die Bauernproteste reagiere) mit dem Text „Preis bewusst erhöht – für unsere Bauern“. Auch die Lidl- Schwester Kaufland schraubte den Preis für Schweinefleisch nach oben, wenig später zog auch Rewe nach. Der Mehrerlös durch die höheren Preise sollte den Schweinebauern über die Schlachter und Vermarkter in vollem Umfang ausgezahlt werden.

Lidl-Kampagne: Sonderpreisschild
Quelle: Lidl/Screenshot

Zudem gab Klaus Gehrig bekannt, dass die Schwarz-Gruppe im Laufe des Jahres 2021 der Initiative Tierwohl eine Sonderzahlung von 50 Mio. Euro überweisen werde: „Über die Initiative Tierwohl ist sichergestellt, dass das Geld direkt an die Landwirte in Deutschland verteilt wird. Außerdem unterstützen wir damit die Landwirte, die sich zur Förderung des Tierwohls verpflichtet haben.“ Da Lidl „alleine aber keine Veränderung erreichen“ könne, empfahl der Unternehmenschef den protestierenden Bauern, auch bei anderen Händlern Druck zu machen.

Wenig Freude über Lidl-Millionen

Zahlreiche Medien titelten daraufhin mit Schlagzeilen wie „Lidl greift Schweinehaltern unter die Arme“ oder „Landwirte einigen sich mit Aldi, Lidl, Rewe & Co.“ Was auf den ersten Blick wie eine freundschaftliche Geste wirkt – zumindest für die Bauern, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen –, bewerteten Kritiker eher als geschickten PR-Schachzug des Handelsunternehmens, um sein Image aufzupolieren und Mitbewerber auszustechen. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, bezeichnete die angekündigte Sonderzahlung als „Trostpflaster“, das bei Weitem nicht ausreiche, um die grundsätzlichen Probleme zwischen Landwirtschaft und dem Lebensmitteleinzelhandel zu lösen. Rukwied forderte stattdessen grundsätzliche Änderungen wie ein „Ende der Dauerniedrigpreiskultur und eine angemessene Bezahlung“ für höhere Qualitätsstandards. Auch für Andreas Bertele vom Verein Landwirtschaft verbindet Bayern werde mit der einmaligen Zahlung an die Initiative Tierwohl „das Grundproblem von zu niedrigen Erzeugerpreisen in keinster Weise angegangen.“ Feste Zuschläge auf einen nicht definierten Grundpreis würden seiner Meinung nach langfristig gesehen kein zusätzliches Geld auf die Höfe bringen.

Der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, Walter Heidl, kritisierte: „Lidl und Kaufland können sich nicht einfach mit einer solchen Einzelaktion freikaufen, denn die Marktmacht und der Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel und die Billigangebote im Supermarkt verschwinden dadurch ja nicht einfach. Das kann nur der Auftakt zu einem verantwortungsbewussteren und faireren Umgang mit den Erzeugern sein.“

Zudem stand die Verteilung der Bonuszahlungen in der Kritik. Denn nur die großen Schlachter, die Lidl, Kaufland und Rewe Fleisch beliefern, zahlten den Bauern den Zuschlag auch aus. Somit profitierten davon weder die Mäster, die an mittelständische Schlachtunternehmen lieferten, noch Ferkelerzeuger.

Preisanhebung ist gefloppt

Eine Lidl-Sprecherin hatte zu Beginn der Preisanhebung verkündet: „Damit geben wir unseren Kunden die Möglichkeit, sich bewusst dafür zu entscheiden, einen Beitrag für die Unterstützung der heimischen Landwirtschaft zu leisten.“ Keine zwei Monate nach der Einführung höherer Preise ist bekannt, wofür sich die Konsumenten entschieden haben: Für (billigeres) Fleisch von den Mitbewerben. Lidl vermeldete, wieder zu niedrigeren Fleischpreisen zurückzukehren, da es dem Unternehmen nicht möglich sei, „die Preise dauerhaft und allein auf erhöhtem Niveau zu halten. Ab sofort müssen wir uns im Schweinepreissegment wieder dem Marktniveau anpassen“. Dem Unternehmen sei durch die höheren Fleischpreise ein „erheblicher Wettbewerbsnachteil“ entstanden. Im Klartext heißt das: Weniger Kunden als erwartet griffen zu den teureren Produkten oder kauften lieber gleich woanders ein.

Glückliche Schweine, zufriedene Bauern – wie viel ist das den Konsumenten wert?
Quelle: Landpixel

Was wir daraus lernen:

  • Höhere Preise funktionieren nur, wenn alle mitziehen.

Wenn lediglich einer oder wenige Händler die Preise anheben, wechseln die Verbraucher zum Mittbewerber mit besseren Angeboten. Daher wäre ein Schulterschluss aller Handelsunternehmen die Basis dafür, dass höhere Verkaufspreise für Fleisch (-waren) langfristig durchsetzbar sind.