AckerbauDüngungGüllezusätze können tödlich sein!

Güllezusätze können tödlich sein!

Quelle: Zentner

Der Markt hat für alles eine Lösung: ob es um effiziente Futterverwertung, verbesserte Klauengesundheit, geringere Geruchs- und Ammoniakemissionen im und aus dem Stall, um das Verbessern des eigenen Pflanzenbestandes
oder des Bodens geht. Für alle Anforderungen werden zahlreiche Produkte angeboten.
Problematisch ist dabei, dass keiner dieser Zuschlagstoffe einer Prüfung unterzogen wird, um seine Wirksamkeit und vor allem seine Sicherheit bei der Zugabe in flüssigen Wirtschaftsdünger zu gewährleisten. Das gilt auch für Schwefeldünger im Grün- und Ackerland.

Vermeintlich harmlose Zuschlagstoffe …

Durch die Entschwefelung von Treibstoffen und Rauchgasen in den letzten Jahrzehnten entstand eine signifikante Reduktion an atmosphärischen Schwefeleinträgen in unseren Böden.
Da ein Schwefelmangel den gesamten Stickstoffkreislauf einer Pflanze beeinträchtigt, greifen Landwirte oftmals auf eine entsprechende Schwefeldüngung in Form von elementarem Schwefel in Pulverform zurück. Um sich das Ausbringen mittels Düngestreuer zu sparen, kann dieser auch direkt in die Güllegrube oder das Güllefass eingerührt werden – so lautete die Empfehlung vieler Handelsfirmen, die elementaren Schwefel vertreiben.

… führten zum Unglück

Ein aktueller Fall aus Österreich zeigt, wie gefährlich manche harmlos wirkenden Zuschlagstoffe sein können. Ein Milchbauer in Tirol mit einem dem Stand der Technik entsprechenden Liegeboxenlaufstall und einer zur Hälfte unter dem Stall liegenden Güllelager, mixte elementaren Schwefel (25 kg/ha laut Etikett) in seine Grube ein. Das entspricht einer Menge von rund 1,25 kg/m3 Gülle. Von den 160 m³ Gülle brachte er daraufhin ca. 100 m³ am selben Tag auf seinen Grünlandflächen aus. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen. Wie es in der Praxis üblich ist, wird eine Güllegrube nicht zur Gänze entleert. Etwa einen Monat später wollte der Landwirt erneut Gülle ausbringen. Zwanzig Minuten nachdem er mit dem Homogenisieren der Gülle startete, fand der Landwirt seine gesamte Herde verendet im Stall vor.

Durch die direkten Verbindungen zum Stall über die
Gülleabwurfzone mit Metallabdeckung konnten sich die
Schadgase bis in den Stall ausbreiten.
Quelle: Zentner zVg

Güllegase führen zum Erstickungstod

Ein Teil der Gase, besonders Schwefelwasserstoff (H2S), hatte sich in der Gülle gelöst.
Durch die Zugabe des elementaren Schwefels vor gut einem Monat war der Schwefelanteil in der Gülle weiter erhöht worden. Die Mikroorganismen in der Gülle verarbeiteten diesen weiter zu Sulfat, das für die Bildung von Schwefelwasserstoff verantwortlich ist. Beim Homogenisieren der Gülle wurden die Schadgase frei. Diese „Güllegase“ strömten durch die entstandenen Turbulenzen aus der Güllegrube aus. Sie breiteten sich durch die direkten Verbindungen über die Gülleabwurfzone mit Metallabdeckung bis in den Stall aus. Nach kürzester Zeit erstickte die gesamte Herde. Der Landwirt flüchtete in letzter Sekunde ins Freie. Bei den darauffolgenden Gasmessungen der Feuerwehr wurde eine H2S-Belastungen von über 2.000 ppm festgestellt. Auch die Messungen
durch die HBLFA Raumberg-Gumpenstein einen Monat später zeigten, dass die Belastung noch immer weit über 1.000 ppm lag. Aufgrund dieses Vorfalls wurde an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein ein Kleinversuch angelegt.

Kleinversuch zeigt, …

Es wurden 60-Liter-Fässer mit Gülle befüllt, mit unterschiedlichen Aufwandmengen (1,25 und 2,0 kg/m3 Gülle) des elementaren Schwefels vermischt und über zwei Monate hinweg mit einem Gasmessgerät zweimal wöchentlich
bemessen. Alle Varianten, denen elementarer Schwefel zugefügt wurde und die homogenisiert wurden (G_S1r; G_S2r; G_S1r_neu), zeigen im Mittel deutlich erhöhte H2S-Belastungen über die zweimonatige Messperiode hinweg
(Abb.). Diese steigen teilweise bis zu 4.500 ppm an. Festzuhalten ist, dass auch unbehandelte Gülle zur Bildung von Schwefelwasserstoff, bis zur Belastungsgrenze von ca. 200 ppm, neigt.
Es zeigte sich, dass sich bereits am zweiten Tag nach der Zugabe von elementarem Schwefel gefährliche Konzentrationen an Schwefelwasserstoff gebildet hatten. Da die gesamte Gülle in der Praxis nicht an einem Tag ausgebracht wird, muss man ab der Zugabe elementaren Schwefels mit lebensbedrohlichen Schwefelwasserstoffkonzentrationen in und um das Güllelager rechnen.

… eine Prüfung wäre notwendig

Flüssige Wirtschaftsdünger sind ein Medium, das nicht standardisierbar ist. Das bedeutet, dass man keine allgemein und immer gültigen Aussagen darüber treffen kann, welche Stoffe oder Gase bei der Zugabe von Güllezusatzstoffen,
egal ob als Dünger oder gegen Emissionen eingesetzt, entstehen. Da Güllelager nicht zur Gänze und auf einmal geleert, sondern meist über mehrere Tage (je nach Wetterlage) ausgebracht werden oder die Gülle auf mehrere Gaben aufgeteilt wird, muss diese des Öfteren homogenisiert werden. Hierbei kann es zu folgenschweren Zwischenfällen kommen, die in Zukunft durch geprüfte und richtig eingesetzte Güllezuschlagstoffe hoffentlich
vermieden werden können.

DI Andreas Zentner forscht am Institut für Tier, Technik und Umwelt der HBLFA Raumberg-Gumpenstein in
Irdning, Steiermark.

INFO
Grenzwerte für Schwefelwasserstoff:
• in Stallungen maximal 5 ppm
• ab 200 ppm erste Lähmungen der Geruchsrezeptoren
• ab 700 ppm Atemlähmungen