LandtechnikAckerbautechnikFahrbericht: Lemken Azurit 9 Einzelkornsämaschine

Fahrbericht: Lemken Azurit 9 Einzelkornsämaschine

Die Azurit 9 wird zusammen mit dem Fronttank Solitair 23 zur schlagkräftigen Einzelkorn-Säkombi. (Fotos: Weninger)

 

Mit der Azurit wagte Lemken den Einstieg in die Einzelkornsätechnik. Schon 2013 stellte das Unternehmen eine Studie auf der Agritechnica vor, 2015 war in Hannover eine Vorserienmaschine zu sehen. Es folgten weitere Maschinen mit Detailverbesserungen. Nun soll die Azurit 9 reif für den Markt der „Highspeed“-Einzelkornsämaschinen sein: Stattliche 15 bis 20 km/h gibt Lemken als maximale Sägeschwindigkeit an.

Mehr Platz im Dreieck

Die wirkliche Besonderheit der Azurit ist jedoch ihr Reihenkonzept namens DeltaRow. Das sind Doppelreihen mit 75 cm Abstand von Mitte zu Mitte und 12,5 cm zwischen den beiden Teilreihen. Weil die beiden Saatreihen einer Doppelreihe synchron abgelegt werden, liegen die Körner im Dreiecksverband. Daraus ergibt sich ein um 70 % größerer Standraum für die Pflanzen im Vergleich zur Einzelreihe. Mittig zwischen der Doppelreihe legt die Azurit optional ein Düngerband an. Die bessere Standraumverteilung soll laut Lemken einige ackerbauliche Vorteile mit sich bringen, wie etwa mehr Nährstoffe, Wasser und Licht für die Einzelpflanze, eine schnellere Jugendentwicklung oder ein besseres Wurzelwachstum. Die Ernte eines DeltaRow-Maisbestands soll mit herkömmlicher Technik problemlos möglich sein, egal ob als Körnermais oder Silomais genutzt. genutzt. Ein weiterer Vorteil der Azurit: Sie kann durch Wegschalten einzelner Teilreihen bis zu 87,5 cm breite Fahrgassen anlegen. Natürlich können auch ganze Doppelreihen abgeschaltet werden. Die Pflanzenzahl pro Hektar muss dabei nicht reduziert werden.

Im Vergleich zur Einzelreihe (Grafik links) haben die Pflanzen in der DeltaRow um 70 % mehr Standraum zur Verfügung. (Grafik: Hersteller)

Die Azurit 9 ist mit vier, sechs oder acht Reihen zu haben, jeweils mit und ohne Düngerausrüstung. Die sechs- und achtreihigen Maschinen sind klappbar. Alle Modelle werden im Dreipunkt-Hubwerk getragen. Für die Versorgung der Azurit mit Dünger bietet Lemken vier Kombinationen an. Zur Aussaat mit gleichzeitiger Bodenbearbeitung und Düngung steht die CompactSolitair 9 oder die Solitair 25KA entweder mit Kurzscheibenegge oder Kreiselegge zur Auswahl. Bei der Aussaat ohne Bodenbearbeitung kann zwischen dem Säwagen Solitair 12SW und dem Fronttank Solitair 23 gewählt werden. Von der Kombination aus Azurit 9 und Fronttank Solitair 23 haben wir uns im diesjährigen Maisanbau einen ersten Eindruck verschafft und ihre Kornablage mit jener einer herkömmlichen Einzelreihen- Maschine verglichen. „Unsere“ achtreihige Azurit hatten wir an einem John Deere 6130 R angebaut. Die Leistung und Hubkraft des Traktors reichte in der Ebene aus, zumal wir für unsere Versuchszwecke in die Tanks nur wenig Dünger und Saatgut einfüllen mussten. Die Kombi ist also schön mit einem Vierzylinder zu fahren. Zudem ist sie kompakt und übersichtlich aufgebaut. Das Leergewicht der achtreihigen Azurit mit Düngereinrichtung beträgt 2.600 kg. Voll befüllt gibt Lemken ein Gewicht von maximal 3.550 kg an. Wer große Mengen ausbringt, auf Leistung fährt und dabei noch in hügeligem Gelände unterwegs ist, spannt lieber einen etwas größeren Traktor mit mehr Eigengewicht ein.

Die Azurit klappt ihren Rahmen in zwei Teilen senkrecht hoch. Die beiden Rahmenhälften sind mittig über einem zentralen Bolzen pendelnd aufgehängt. So kann sie sich besser den Bodenkonturen anpassen. An der Azurit für unseren Fahrbericht waren Spuranreißer montiert. Sie können im Bedienterminal deaktiviert und zusätzlich mechanisch gesperrt werden, wenn man beispielsweise mit einem Lenksignal fährt.

Die Azurit 9 hinterließ bei uns einen übersichtlichen und kompakten Eindruck.

Saatgut auf Nachfrage

Kommen wir zur Saatgutdosierung der Azurit. Über der Maschine sitzt ein zentraler Tank, der 600 l Saatgut fasst. Das gesamte System vom Tank bis zur Vereinzelung arbeitet mit Überdruck. Unter dem Tank sitzen acht Dosierschnecken. Ein hydraulisch angetriebenes Gebläse samt Staubabscheider fördert die Körner über je einen Schlauch zu den Säeinheiten mit jeweils 0,5 Liter großem Vorratsvolumen – individuell für jede Reihe und nur nach Bedarf („Seed on Demand“). Damit steht in den einzelnen Dosiereinheiten immer die gleiche Menge an Saatgut parat – auch wenn einzelne Reihen durch Section Control und/oder Fahrgassen mehr bzw. weniger Saatgut brauchen. So muss nur mehr der zentrale Tank befüllt werden, nicht die einzelnen Säkörper – ein Pluspunkt. Zum Schraubdeckel führt ein guter Aufstieg, es bleibt eine angenehme Einfüllhöhe. Im Tank geben zwei höhenverstellbare Sensoren Auskunft über den Füllstand.

Der Säkörper: Räumsterne, Düngerschar, Trapezpackerwalze, Säschare, dazwischen Tiefenführungsrolle (groß), Fangrolle (klein) und Andruckrollen (v.l.n.r.).

Aus dem Vorrat im Säkörper wird die Vereinzelung mit Saatgut versorgt. Dabei steht ein ständiger Luftstrom an. Über diesen wird das Saatgut nach Bedarfsmeldung der Säeinheiten dorthin gefördert. Die Vereinzelung erfolgt für jede Teilreihe der DeltaRow mittels einer Sätrommel, die jeweils von einem Elektromotor angetrieben wird. Daneben befinden sich (jeweils für jede Teilreihe) drei Abstreifer, die elektrisch angesteuert werden. So können sie auch während der Fahrt an veränderte Verhältnisse angepasst werden. Weil die Löcher auf den Sätrommeln versetzt zueinander sind, erfolgt das Abschießen der Körner abwechselnd links und rechts – die Doppelreihe mit Dreiecksverband entsteht. Durch den vorhandenen Überdruck gelangen die Körner durch einen Schusskanal in die Saatrille. Eine Fangrolle aus weichem Gummi soll das Verrollen verhindern. Im Schusskanal sitzt ein Körnersensor, der Fehl- oder Doppelstellen an das Terminal meldet.

Blick in die Vereinzelung: Die Körper sind werkzeuglos zu öffnen, es bleiben nur geringste Restmengen übrig.

Um die Behälter zu entleeren, sind an beiden Seiten Klappen eingebaut. Die Säeinheiten sind einfach und werkzeuglos zu öffnen, um die letzten Restkörner zu entfernen. Auch die Sätrommel ist werkzeuglos zu entnehmen. Lemken kann die Azurit derzeit mit Sätrommeln für Mais und Soja ausstatten – mit unterschiedlichen Lochanzahlen und Lochgrößen von 4 bis 6 mm.

Der zentrale Saatguttank kann in bequemer Arbeitshöhe befüllt werden.

Keine Räder nötig

Bei der Ablage des Düngers und der Saat verfolgt Lemken mit der Azurit ebenso ein neuartiges Konzept. Vor dem Doppelscheibenschar für den Dünger läuft optional ein Paar Räumsterne. Die Düngerschare einer Maschinenhälfte werden mittels Spindel eingestellt. Eine Skala zeigt die Ablagetiefe in Zentimetern an. Der Schardruck ist individuell von 60 bis 200 kg einstellbar, was zum Beispiel für die Schare hinter den Traktorrädern nützlich ist.

Hinter dem Düngerschar folgt auf beiden Seiten das Segment einer Trapezpackerwalze. Sie trägt die Azurit auf dem Acker. So wird das Gewicht gleichmäßig auf alle acht Reihen verteilt. Laufräder oder Antriebsräder sind daher nicht nötig. Nach der Walze folgt für jede Teilreihe ein Doppelscheibenschar. Innerhalb des Säschars sitzt die oben beschriebene Fangrolle. Zwischen den beiden Doppelscheibenscharen ist die große Tiefenführungsrolle montiert, die über eine Justierschraube die Ablagetiefe des Saatkorns bestimmt. Auch hier zeigt eine dauerhafte Skala die Tiefe in Zentimetern an. Der gesamte Säkörper ist mittels Parallelogramm am Hauptrahmen montiert. Über einen Hydraulikzylinder kann der Schardruck an wechselnde Bedingungen auch während der Fahrt angepasst werden, maximal sind es 280 kg je Einheit. Den Bodenschluss stellen zwei Andruckrollen her. Sie sind über zwei Hebel im Winkel und im Druck verstellbar (bis zu 60 kg über eine mechanische Feder). Das funktioniert einfach und ist gut gekennzeichnet.

Die Kornablage wird per Schraube eingestellt, Winkel und Druck der Andruckrollen über zwei praktische Hebel samt guter Skalen.

Feldaufgang noch nicht perfekt

Im Zuge unseres Fahrberichts legten wir mit der Azurit in Zusammenarbeit mit Experten der Landeskammer für Land- und Forstwirtschaft Steiermark auch einen Feldversuch an. Dabei verglichen wir sie mit einer herkömmlichen Einzelreihen-Sämaschine. Beide mussten zwei unterschiedliche Maissorten mit zwei verschiedenen Saatstärken aussäen. Diese sechs Varianten wurden dreimal wiederholt. Bei der Aussaat fuhren wir in Abstimmung mit dem Produktspezialisten von Lemken „nur“ 10 km/h schnell.

Unsere Erwartungen konnte die Azurit nur bedingt erfüllen. In einigen Parzellen war der Feldaufgang ungleichmäßig, trotz Kontrolle der Ablage während der Aussaat. Sichtbar wurde das in einem späteren und ungleichmäßigeren Feldaufgang im Vergleich zur Standardmaschine. Eine Ursache dafür vermuten wir in einer mangelhaften Rückverfestigung. Lemken arbeitet hier bereits an neuen Zustreicher- Einheiten, die für einen besseren Bodenschluss oberhalb des Saatkorns auch auf gröberen Böden bzw. unter trockenen Bedingungen sorgen sollen. Sofern Lemken diese neuen Andruckrollen für unterschiedliche Böden freigibt, wird der LANDWIRT die Azurit in der Saison 2020 einem ausführlichen Praxistest unterziehen. Lemken verweist im Übrigen darauf, dass die Azurit in anderen Versuchen – auch bei größeren Sägeschwindigkeiten – eine hohe Ablagegenauigkeit erzielen konnte.

Fronttank mit guten Details

Der Fronttank Solitair 23 fasst 1.900 Liter und hat dasselbe Gebläse eingebaut wie die Azurit. Die Dosierung erfolgt nicht zentral, sondern über vier separate Einheiten. Diese sind jeweils über einen eigenen Elektromotor angetrieben. So können auch die Düngerschare in Teilbreiten geschalten werden. Ein Sensor unter dem vorderen Dreipunktgestänge oder ein Druckschalter im Zusatzsteuergerät des Traktors liefert das Schaltsignal für die Düngerdosierung. So wird das genaue Ein- und Ausschalten am Vorgewende ermöglicht. Den Transport nach hinten übernehmen vier Schläuche, die wahlweise unter dem Traktor oder rechts davon verlegt werden.

Vorne am Fronttank ist ein Trittbrett zur leichteren Befüllung montiert. Es wird zur Straßenfahrt nach unten geschwenkt und dient so als Unterfahrschutz. Weniger Freude hatten wir mit der Plane, die bei Straßenfahrten nicht vollständig geschlossen blieb. Beim Befüllen des Fronttanks spritzte zu viel Dünger vom dickwandigen Einfüllsieb auf den Boden. Hier könnte Lemken nachbessern. Um den Tank zu entleeren, werden die Klappen unter den einzelnen Dosiereinheiten geöffnet und dann im Terminal die Dosierung gestartet. Letztere ist auch direkt am Tank mittels Taster möglich – eine praktische Lösung.

Noch ein paar Worte zur Bedienung der Azurit: Die Maschine ist ISO gesteuert. Dafür hatten wir das neue Terminal CCI 1200 mit 12 Zoll Touchdisplay in der Traktorkabine. Das kleine Terminal LET 40 (Lemken Eco Terminal mit vier Zoll großem Touch-Bildschirm) diente in unserem Einsatz zur Abdrehprobe des Fronttanks Solitair 23.

Fazit

Die Azurit 9 sticht mit einigen Besonderheiten aus dem Markt für Einzelkornsämaschinen hervor. Die wichtigste davon ist die Pflanzenanordnung im DeltaRow-System. In der Theorie verspricht sich Lemken dadurch einige ackerbauliche Vorteile. In unserem kurzen Praxiseinsatz konnte die Ablagegenauigkeit noch nicht vollends überzeugen. Lemken arbeitet daran, die Azurit 9 besser auf die verschiedensten Einsatzbedingungen einzustellen – sodass die Azurit doch noch zum Edelstein unter den Einzelkornsämaschinen werden kann.

 

Klicken Sie sich hier durch einige Fotos zu unserem Fahrbericht der Lemken Azurit 9: