LandlebenErnährungDer Rindfleischmarkt ist angespannt

Der Rindfleischmarkt ist angespannt

Das Faschierte auf dem Foto ist eine pflanzliche Kopie von Fleisch. Aussehen und Geschmack seien inzwischen nicht mehr vom Original zu unterscheiden, sagen selbst Fleischliebhaber. Foto: Beyond Meat

Von Karin Ch. TAFERNER, LANDWIRT Redakteurin

Wiederholt berichtet die ARGE Rind von einem schwierigen Marktumfeld am Rindfleischsektor. Seit Mitte März hat die österreichische Dachorganisation keine Preiserwartungen für Jungstiere veröffentlicht. Die Erzeugergemeinschaften können sich mit den Schlachthöfen auf keine einheitlichen Preise einigen, lautet die offizielle Version.

Mit Sorge stellt ARGE-Obmann Josef Fradler fest, dass die Nachfrage nach Qualitätsfleisch trotz geringerer Schlachtzahlen verhalten bleibt. Foto: Taferner

Obmann Josef Fradler sagte auf der Generalversammlung Anfang Juli: „Die Zusagen des Lebensmitteleinzelhandels werden nicht eingehalten. Sie nehmen deutlich weniger als die zugesagten Mengen der produzierten AMA-Gütesiegel-Stiere ab.“ Er appellierte an die anwesenden Vertreter der Schlachthöfe für bestmöglichen Absatz und Erschließung neuer Absatzwege. Vor allem in der Gastronomie und in der Gemeinschaftsverpflegung gäbe es noch Potenzial für heimisches Qualitätsfleisch mit dem AMA-Gütesiegel. Mit Sorge blickt Fradler auch den anstehenden Entwicklungen wie Brexit und Mercosur-Abkommen entgegen. Irisches Rindfleisch überschwemme jetzt schon die Märkte in Europa, während amerikanisches Rindfleisch sich den Weg nach Großbritannien zu ebnen scheint.

Fradler erwartet eine Entspannung am heimischen Rindfleischmarkt erst mit September oder Oktober. Langfristig scheint der Markt jedoch sicher. Die Weltbevölkerung nimmt ständig zu. Damit steigt auch der Bedarf an hochwertigem Eiweiß. Die Frage ist nur, wer es liefert. Die Vortragenden am AMA Fleischsymposium berichteten Anfang Juni von den Trends am Teller.

Alternative Eiweißquellen im Vormarsch

Mehlwürmer, Heuschrecken und Heimchen liefern viel Eiweiß und wenig Fett. Das schätzen die Konsumenten an der alternativen Eiweißquelle. Foto: Taferner

Eine weiße Tischdecke, eine schwarze Schieferplatte, darauf vier Gläser gefüllt mit getrockneten Insekten. In Dreierreihen scharrten sich die Teilnehmer des Fleischsymposiums in Wien um den Tisch. Jeder wollte einen Blick auf die goldbraunen Würmer und Heuschrecken werfen, von denen der Wiener Christoph Thomann, Gründer von ZIRP Insects, kurz vor der Mittagspause im Vortragssaal geschwärmt hatte. Den Mutigen reichte der Jungunternehmer mit dem weißen T-Shirt ein Holzschiffchen gefüllt mit Mehlwürmern zum Kosten. „Sie schmecken nussig und sind sehr proteinreich. Man kann sie über den Salat geben, als Snack knabbern oder kochen. Weltweit essen mehr als zwei Milliarden Menschen Insekten“, pries er seine Ware an. Er empfiehlt Heimchen-Spinatknödel, Heuschreckenburger oder Karamellheimchen für die Süßen.

Noch sind Insekten eine Rarität auf heimischen Tellern. In der Verzehrstatistik scheinen sie nicht einmal auf. Wohl auch wegen des aktuellen Preises: die Snackbox mit 18 Gramm getrockneten Mehlwürmern kostet im Webshop 5,90
Euro (zzgl. Versandkosten, Stand: 25. Juli 2019). Thomann beschäftigt sich seit 2011 mit essbaren Insekten. Mittlerweile sind seine Produkte bei REWE gelistet.

Der Flexitarier im Visier

„Langfristig dürfen wir alternative Proteinquellen nicht unterschätzen“, warnt Marcus Keitzer, Vorstand für alternative Proteinquellen bei der PHW-Gruppe, einem Unternehmen aus Niedersachsen, das unter anderem Geflügelprodukte unter der Marke Wiesenhof verkauft. In seinem Vortrag am AMA-Symposium sprach er über jene, die am Fleischmarkt mitnaschen wollen: die Insektenproduzenten, die Laborfleischerzeuger und jene, die Fleischalternativen aus Pflanzenprotein machen.

Die alternativen Proteinquellen werben mit Slogans wie „Insekten sind gesund und gut für die Umwelt“, Fleisch aus Zellkulturen ist „tierfreundlich und nachhaltig und wird die nächste Revolution der Fleischerzeugung einläuten“
oder „Fleisch aus Pflanzen machen“ wie es BeyondMeat nennt. Sie buhlen um dieselben Kunden wie die  Rinderbauern. Dabei geht es nicht um die Vegetarier oder Veganer. Deren Anteil an der Bevölkerung macht nur wenige Prozent aus. Im Fokus stehen die Flexitarier, das sind jene Konsumenten, die ihren Eiweißbedarf wahlweise durch Fleisch oder pflanzliche Produkte wie Soja oder Erbsen decken. In den sozialen Netzwerken kursieren zum Teil verstörende Videoaufnahmen über die Fleischbranche. Das verunsichert jene Verbraucher, die von landwirtschaftlicher Tierhaltung entfremdet sind. Darauf wies auch Christian Dürnberger vom Messerli-Forschungsinstitut der VetmedUni Wien hin, der zur Mensch-Tier-Beziehung in der Gesellschaft forscht. Sie veranlassen fast ein Viertel der Menschen dazu, auch Alternativen zu Fleisch in die Ernährung einzubauen.

Den Umsatz absichern

Der Magen begrenzt den Markt. Insektenprotein und vegane Burger machen Steak, Faschiertem und Schnitzel zunehmend Konkurrenz. Darauf hat der größte Geflügelfleischverarbeiter Deutschlands reagiert. Die PHW-Gruppe ging letztes Jahr eine Partnerschaft mit dem israelischen Unternehmen SuperMeat ein, das sich auf die Herstellung von Fleisch aus Zellkulturen spezialisiert hat. Die Gruppe vertreibt seit einem Jahr auch die Produkte von BeyondMeat, einem kalifornischen Unternehmen, das Fleischersatzprodukte auf pflanzlicher Basis herstellt. Der Wert der Aktie hat sich an der US-Börse NASDAQ seit der Erstausgabe im Mai 2019 innerhalb eines Monats verdoppelt.

„Unser Kerngeschäft ist Geflügelfleisch, aber wir wollen dem Kunden auch Wahlmöglichkeiten bieten“, erläutert Keitzer das neue Geschäftsmodell. Das ist eine Strategie, um auf die Veränderungen im Essverhalten zu reagieren und die Umsatzzahlen stabil zu halten. Die Trends zu ethisch korrektem Fleischverzehr bewegen auch Rinderbauern
zum Umdenken. Initiativen, wie jene der steirischen Bauern für eine stressfreie Hofschlachtung, bieten den bewussten Konsumenten Alternativen. Keitzer betont: „Es gibt nicht den einen Kunden. Die Herausforderung ist es, jedem das richtige Produkt anzubieten.“