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Campen am Bauernhof: Stellplätze gesucht

Am Bauernhof campen, Eindrücke sammeln und einkaufen: Ein Modell von dem sowohl Urlauber als auch Bauern was haben.
Quelle: Schau auf's Land GSR OG / Christian Gruber-Steffner

Seit einigen Jahren boomt das Reisen mit dem Wohnmobil. Viele Urlauber wollen dabei aber nicht nur wochenlang am gleichen Campingplatz stehen, sondern suchen besondere Plätzchen. Abgeschieden, unverfälscht, ländlich – solche Stellplätze sind gefragt, immer öfter auch bei Kurzausflügen in der eigenen Region oder als Übernachtungsmöglichkeit auf der Durchreise.

„Wildcampen“, irgendwo in der Natur, ist hierzulande aber größtenteils verboten. Genau hier liegt das Potenzial für landwirtschaftliche Betriebe: Rund um Höfe gibt es meistens Platz, oft an landschaftlich besonders reizvollen Standorten. Außerdem schätzen es Camper, direkt beim Bauern einzukaufen oder andere Angebote – wie etwa Kräuterwanderungen – zu nutzen. Landwirte können also vom Wohnmobiltourismus profitieren. Dazu muss es nicht immer gleich ein gewerblicher Campingplatz sein und es sind auch nicht zwangsläufig Investitionen notwendig. Seit einigen Jahren gibt es etwa in Frankreich, Dänemark, Großbritannien und Deutschland Initiativen, die Bauern und Camping- Reisende mittels eigener Stellplatzführer oder via Online-Plattformen zusammenbringen – so dass beide Seiten davon profitieren.

Nächtigen und einkaufen

Die Idee ist einfach: Bauern stellen Campern kurzzeitig – in der Regel für maximal 24 Stunden bzw. für eine Nacht – einen kostenlosen Stellplatz auf ihrem Grund zur Verfügung. Für Infrastruktur muss der Landwirt nicht sorgen, denn die Wohnmobile sind autark. Die Touristen bezahlen nur für die Stellplatzführer, in denen sich wiederum die Bauern kostenlos eintragen lassen können. Die erste Frage, die sich Landwirte dabei meistens stellen: Warum sollte ich das umsonst anbieten? Ganz einfach: Aus Wohnmobil-Reisenden können Kunden werden. Wenn man schon auf einem Bauernhof campt, wird man in der Regel auch das Angebot vor Ort nutzen und Lebensmittel oder sonstige Produkte kaufen. Das Modell bietet sich also in erster Linie für Direktvermarkter an. Oft werden aus einmaligen Besuchern so auch neue Stammkunden, und durch deren Mundpropaganda können weitere folgen. Außerdem schafft das Modell Verbindung zwischen Bauern und Konsumenten und kann das Bewusstsein für die heimische Landwirtschaft stärken. Die aktuelle Corona-Situation und die damit einhergehenden Reisebeschränkungen dürften dem Camping-Trend weiteren Aufwind geben. Viele Österreicher werden in diesem Jahr im eigenen Land Urlaub machen. Hinzu kommt das gestiegene Bewusstsein für heimische Landwirtschaft. Einsteigen können interessierte Betriebe ohne große Vorbereitung – alles, was es braucht, ist eine ebene Fläche, auf der ein Wohnmobil stehen kann. Optionale Zusatzleistungen wie etwa Strom, Frischwasser, W-Lan oder gar einen Frühstückskorb können die Betriebe natürlich auch anbieten und so ihren Standort noch attraktiver machen.

Idee kommt in Österreich an

Österreich scheint mit seiner reizvollen Landschaft und der kleinstrukturierten, vielseitigen Landwirtschaft prädestiniert zu sein für die Idee „Campen am Bauernhof“. Zwei österreichische Anbieter starten jetzt durch und sind noch auf der Suche nach weiteren Betrieben. Der gebürtige Oberösterreicher Franz Roitner bringt diesen Herbst erstmalig den Stellplatzführer „Bauernleben“ in Buchform heraus. Der 49-Jährige kommt selbst aus der Landwirtschaft, arbeitete einige Jahre am elterlichen Hof, ist selbstständig im Tourismus tätig und begeisterter Wohnmobilfahrer.

Etwas anders geht es das Grazer Start-up „Schau auf’s Land“ rund um Initiator Leonard Röser an: Sie wollen Bauern und Camper auf ihrer Online-Plattform zusammenbringen und legen dabei den Fokus auf nachhaltig wirtschaftende Betriebe. Röser ist ebenfalls leidenschaftlicher Camper und spezialisierte sich im Rahmen seines Studiums auf nachhaltigen Tourismus. Wir stellen Ihnen die Gründer der zwei Plattformen und ihr jeweiliges Konzept vor

 

„Landvergnügen“ in Deutschland

In Deutschland ist das Konzept mit „Landvergnügen“ bereits vor einigen Jahren angekommen. In einem Katalog sind über 800 ländliche Betriebe aus ganz Deutschland zusammengefasst. Hier sind nicht nur Höfe, sondern auch Brauereien, Imkereien, Käsereien und Weingüter aufgeführt. Gastgeber werden weiterhin gesucht! Die Registrierung ist kostenfrei und einfach zu erledigen unter www.landvergnuegen.com. Voraussetzung: Direktvermarktung ab Hof. Wohnmobilbesitzer dürfen bei ihrem Gastgeber 24 Stunden lang kostenlos einen Stellplatz nutzen. Katalog, Vignette und App kosten 34,90 Euro plus Versand.

 

 

„Wohnmobilbesitzer sind kaufkräftig“

Der Camping-Fan Franz Roitner bringt einen Stellplatzführer in Buchform heraus. Bis 30. Juni können sich Betriebe noch kostenlos dafür anmelden.

Franz Roitner kommt aus der Landwirtschaft und ist seit über 15 Jahren in der Tourismusbranche tätig.
Quelle: privat

LANDWIRT: Sie bringen am 1. September einen Stellplatzführer für Wohnmobile heraus. Titel: Bauernleben. Was verbirgt sich dahinter? 

Franz Roitner: Ich möchte Wohnmobilbesitzer und bäuerliche Direktvermarkter zusammenbringen. In unserem Stellplatzführer sind Bauernhöfe in Österreich gelistet, nach Bundesländern geordnet. Zu jedem Betrieb gibt es eine kurze Hofbeschreibung, eine Art Steckbrief, die Kontaktadresse und Informationen darüber, was man dort beim Bauern kaufen kann. Der Wohnmobilfahrer kann seinen Ausflug planen, legt fest, wo er über Nacht bleiben will, und muss sich dafür dann nur noch beim Bauern anmelden. Die Wohnmobilisten bekommen Einblick ins Bauernleben – daher der Name – und können direkt am Hof einkaufen.

Welche Voraussetzungen muss der Bauer schaffen, damit ein Wohnmobil bei ihm auf dem Hof rasten kann?

Er braucht einen möglichst ebenerdigen Stellplatz. Dabei ist es völlig egal, ob der geteert oder gepflastert ist oder einen sandigen Untergrund hat. Wasser- oder Stromanschlüsse müssen nicht vorhanden sein, die Wohnmobile sind alle autark. Und natürlich sollte der Landwirt Direktvermarkter sein und einen Ab- Hof-Verkauf anbieten – und wenn es „nur“ die Zehnerpackung Hühnereier ist.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Stellplatzführer gekommen?

Ich finde es spannend, was bei uns in Österreich alles von Bauern produziert wird. Von Popcorn über Schwarzkümmelöl bis Straußenfleisch gibt es ja alles! Wohnmobilbesitzer gehören erfahrungsgemäß zum kaufkräftigen Publikum. Sie sind interessiert, vital, wollen herumfahren, es sich gutgehen lassen. Kurzreisen, Ausflüge, mal übers Wochenende raus aus der Stadt und ab aufs Land – das steht bei ihnen auf dem Programm. Die Corona-Krise hat vielen Menschen bewusst gemacht, wie wichtig der regionale Einkauf ist und wie schön es ist, wenn man seine Reise individuell planen kann – das muss gar nicht so weit weg sein.

Der Bauernhof ist also kein Ersatz für den Campingplatz?

Nein. Ideal ist der Wohnmobilfahrer, der für eine Nacht bleibt, beim Bauern ordentlich einkauft und dann wieder fährt. Der Wohnmobilist darf für 24 Stunden kostenfrei sein Fahrzeug bei dem Direktvermarkter abstellen. Ziel ist es, wechselnde Kunden auf den Bauernhof zu bringen. Deshalb kann ja trotzdem so etwas wie eine Stammkundschaft entstehen. Für den Bauern muss es in erster Linie eins sein: ein Geschäft. Die Landwirte können in ihrem Hof- Steckbrief übrigens Angaben dazu machen, ob es Einschränkungen gibt. Ob es beispielsweise sonntags nicht passt. Oder während der Ernte, weil einfach zu viel zu tun ist.

Was kostet es mich als Direktvermarkter, sich in Ihren Stellplatzführer eintragen zu lassen?

Nichts. Allerdings sollten Sie sich spätestens bis zum 30. Juni registrieren, weil wir dann mit dem Druck starten. Einfach auf bauernleben.at klicken und dann weiter auf „Ihren Hof anmelden“.

Und der Wohnmobilfahrer muss das Buch dann kaufen, um seine Tour zu planen?

Genau. Es kostet ohne Versand voraussichtlich 33 Euro. Dazu gibt es eine Vignette. Wenn das Wohnmobil zu Ihnen auf den Hof rollt, soll schon von außen zu sehen sein – aha, das Wohnmobil kommt über Bauernleben zu uns. Auch wenn die Gäste sich vorher anmelden, ist das ein schöner Wiedererkennungswert.

Das Buch gibt es nicht zum Download als PDF. Dafür könnte man ja auch eine Gebühr verlangen. Warum ist das nicht möglich?

Ich habe mich bewusst für ein Offline-Produkt entschieden. Das Buch soll zur Entschleunigung beitragen. Raus aus dem Büro, weg vom Handy und einfach nur ins Buch schauen. Blättern, entdecken, auf Ideen kommen, eine kulinarische Tour planen – ich weiß, das ist ein sehr konservativer Ansatz. Ich beobachte mich selbst dabei, wie ich ständig auf das Handy schaue. Ist doch auch mal schön, wenn man es beiseite legen kann.

Stellplatzführer„Bauernleben“

Infos & kostenlose Anmeldung für Betriebe: www.bauernleben.at

Anmeldung bis spätestens 30. Juni!

Der erste Führer erscheint im Herbst 2020.

Kosten für Reisende: voraussichtlich 33 Euro (0hne Versandkosten)

 

„Camper suchen besondere Erlebnisse“

Leonard Röser und sein Team wollen mit ihrer Online-Plattform zu mehr Nachhaltigkeit im Camping-Tourismus beitragen. Seit Anfang Juni kann man über die Seite buchen.

Leonard Röser ist selbst begeisterter Camper und Umweltsystemwissenschafter mit Schwerpunkt Nachhaltiges Management.
Quelle: Schau auf‘s Land GSR OG / Christian Gruber-Steffner

LANDWIRT: Wie sind Sie auf die Idee zu „Schau auf’s Land“ gekommen?

Leonard Röser: Ich bin selbst leidenschaftlicher Wohnmobil-Reisender. Als ich meine Masterarbeit über nachhaltigen Tourismus schrieb, schwirrten mir schon viele Ideen im Kopf herum, wie man nachhaltiges Reisen mit Camping verbinden könnte. Dann stieß ich auch darauf, dass dieses Konzept – campen am Bauernhof – schon in einigen europäischen Ländern super funktioniert. Jetzt wollen wir so etwas auch in Österreich machen. Wir haben uns bewusst für eine Online-Plattform entschieden. Zum einem vermeiden wir den jährlichen Druck von tausenden Büchern. Zum anderen bieten wir den Betrieben so mehr Flexibilität, etwa wenn sie kurzfristig etwas ändern möchten.

Wie funktioniert die Plattform?

Auf unserer Webseite können sich Betriebe ganz einfach und kostenlos anmelden und ihren Hof präsentieren. Die Betriebe müssen irgendwo auf ihrem Grundstück einen Stellplatz zur Verfügung stellen – kostenlos und für maximal 24 Stunden. So soll ein österreichweites Netzwerk entstehen, das wir Wohnmobil-Reisenden zur Verfügung stellen. Wenn man dann gerade irgendwo in Österreich unterwegs ist und einen Platz zum Übernachten sucht oder einfach Interesse an der Landwirtschaft hat und direkt am Hof Produkte kaufen möchte, kann man auf unserer Plattform gezielt danach suchen und den Betrieb kontaktieren.

Warum ist der Aufenthalt mit 24 Stunden beschränkt?

Wenn ein Camper bis zu 24 Stunden bleibt, dann fällt das nicht unter das Campinggesetz. Wir wollen es den Betrieben so einfach wie möglich machen und für sie einen Mehrwert schaffen. Nachdem die Plätze ja kostenlos angeboten werden, soll es für die Bauern kein großer Aufwand sein. Auch die Stellplätze sollen möglichst einfach sein, es braucht keine Infrastruktur. Wenn ein Betrieb dennoch Zusatzleistungen anbieten möchte, kann er das natürlich machen.

Ist der Bedarf an Stellplätzen auf Bauernhöfen überhaupt da? Man könnte ja meinen, es gibt genug Campingplätze oder einfach freie Flächen.

Wildcampen ist in den meisten Bundesländern grundsätzlich verboten. Und ja, es gibt viele Campingplätze, aber der Wohnmobiltourismus boomt gerade enorm. Oft sind Campingplätze überfüllt und immer mehr Reisende suchen bewusst etwas anderes, einen abgeschiedenen Platz oder ein besonderes Erlebnis. Da gibt es eine große Zielgruppe, und die wollen wir ansprechen.

Welche Betriebe passen zu eurem Konzept?

Wir wollen ein Netzwerk von nachhaltigen landwirtschaftlichen Betrieben aufbauen. Unser ganzes Projekt baut ja darauf auf, dass wir das Wohnmobilreisen nachhaltiger machen wollen. Dadurch dass Reisende mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen und sehen wo und wie Lebensmittel hergestellt werden, soll auch das Bewusstsein dafür geschärft werden.

Müssen es zwingend Biobetriebe und Direktvermarkter sein?

 Nein! Wir wissen ja, dass es genug, gerade kleinere Betriebe gibt, die sehr nachhaltig und ökologisch wirtschaften – auch ohne Bio-Zertifizierung. Die wollen wir genauso dabei haben. Zur Direktvermarktung: Wir wollen natürlich, dass die Betriebe etwas von der Mitgliedschaft bei unserer Plattform haben. Das funktioniert freilich am besten, wenn sie irgendetwas anbieten können, das ist aber keine Voraussetzung.

Wie sieht es in puncto Haftungen aus? Immerhin hat man ja Gäste am Hof.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen waren uns von Anfang an ein Riesenanliegen. Wir waren in engem Kontakt mit den Landwirtschaftskammern und den großen Haftpflichtversicherern. Die haben uns bestätigt, dass das, was wir anbieten, unter die normale Haftpflicht eines landwirtschaftlichen Betriebs fällt. Trotzdem sagen wir natürlich: Geht auf Nummer sicher und klärt mit eurer Versicherung, ob das so passt. Wir haben rund um das Thema auch einen Info-Guide für Betriebe erstellt.

Webplattform „Schau auf‘s Land“

Infos & kostenlose Anmeldung für Betriebe: www.schauaufsland.at

Kosten Online-Jahresmitgliedschaft für Reisende: 35 Euro